Seit Tagen habe ich mich nicht mehr gemeldet. Es ist absolut verrückt. Ich habe immer noch zu wenig Zeit.

Corona – um nur einmal kurz dieses Thema zu behandeln, es wird ja schon überall anders inflationär benutzt – erlöst mich. Es erlöst mich von dem Zwang, mich in dieser Welt zu assimilieren. Auch die berühmten drei Worte von Ändy Borg werden mich nicht retten „Sie sind assimiliert“. Großartig.

Wie soll man denn zurück auf den Arbeitsmarkt, wenn es da eine Zwangspause gibt? Genau. Mega!

Außerdem hat der liebe Gott mich mit dem unglaublichen Talent ausgestattet, mich ständig selbst beschäftigen zu können. Langeweile kenne ich nicht. Ich bräuchte keine Anstellung, um meine Zeit totzuschlagen, bis ich endlich in Rente gehe. Ich bin selbst voller auslebbarem Irrsinn.

Und genau das ist der Grund, warum ihr gerade nichts von mir hört. Die Beschäftigungstherapiewelle schlägt wie ein Höllentsunami über mir herein. Wäre da nicht die Crux mit der unglaublich schnellen Erschöpfung, eine fiese Nebenwirkung der Trauer, die einfach nicht aufhören will. Nach vier Stunden Tätigkeit ist leider Schluss.

Ja was macht die Alte denn nun den ganzen Tag?

Schreiben

Zunächst wären da einmal ganze drei verschiedene Buchideen, die durch meinen Kopf hopsen und alle habe ich bereits begonnen zu schreiben. Welch ein Wahnsinn. Man soll ja eigentlich nicht über ungelegte Eier sprechen, aber die gucken ja quasi schon aus dem Hühnerpops heraus:

  • Rezepte bei Krebs und Chemotherapie
  • Begleitbuch für Trauernde ab der Stunde null
  • Ein Roman (!) über ein sehr großes altes Krankenhaus

Zeichnen

Ja, ich habe wieder mit dem Zeichnen angefangen. Erst mit Pinsel auf Leinwand. Mangels Masse an Leinwänden habe ich all meine alten Leinwände, die gezeichneten Versuchskarnickel aus Jahrzehnten mit schwarz übermalt und habe jetzt einen legitimen Untergrund.

Weil wie in der Trauer so im Leben lassen sich auf dunklen Hintergründen schönere Farben und Gold malen. Und mein in mir brodelndes genetisches viertel Russisch will Gold und Schnörkel und Jugendstil. Und da ich mir das nicht leisten kann, muss ich es halt selbst machen. Das ist dabei herausgekommen.

Und obendrein habe ich mir noch ein Zeichen-Tablet für den Laptop geholt, so dass ich auch noch am Computer malen kann. Uferlos! Und so ein Bild dauert gerne fast zwei Tage, bis ich es fertig habe. Ich bin auch noch Anfänger oder naja, vielleicht Zeichen-Rückkehrer. Das Talent habe ich fast fünfzehn Jahre aus arbeitsbedingtem Zeitmangel schändlich ignoriert.

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Und dann das dritte Ding:

Vastu

Wasn ditte?

Vastu oder Vastu Shastra ist die vedische Lehre der Raumgestaltung und Architektur, die es schon seit über 5000 Jahren gibt, die Lehre ist noch älter als das Feng Shui.

Einen Tag, bevor Steffen gestorben ist, bin ich darüber gestolpert, als ich gerade mein Indienbuch schrieb.

Steffen hatte ich gerade ins Krankenhaus abgeliefert und hatte nach den auszehrenden letzten Tagen mit dem armen leidenden Steffen endlich einmal ein paar Tage nur für meine Dinge. Mir war ja klar, dass Steffen dann wieder aus dem Krankenhaus kommen würde und ich bis dahin irgendeine alternative Geldverdienarbeit generiert haben muss. Also schrieb ich wie der Teufel am Indienbuch und stolperte über diese eine Information:

Als ich mich gerade über Tamil Nadu und Ostindische Küste auslies, schrieb ich auch in meinem Buch über unseren letzten gemeinsamen Indienurlaub über den riesigen Srirangam Tempelkomplex in Tiruchirapalli, welcher nach den Weisheiten des Vastu erbaut wurde.

Hä? Vastu? Wasn ditte?

Und schon war ich wieder verloren. So geht mir das übrigens ständig. Ich lese etwas und dann bin ich in den Weiten des Internet und dann der Bibliothek verloren, ich bin so ein Nerd!

Damals im Februar 2019 schraubte ich mich tief ins Internet, fand verschwurbelte indische Seiten und war total angefixt.

Vastu ist wie Feng Shui, aber für mich logischer. Grandios! Ich las, dass meine Wohnung uferlos beschissen geschnitten ist, dass Steffens Krankheit nur eine Frage der Zeit war. Und meine auch bald. Oh Gottogott. Was mach ich denn jetzt nur?

Ich schrieb mir zwei, drei Nothilfedinger aus dem weiten Netz der Netze heraus und arbeitete diese ab. Dafür fuhr ich fix in den Baumarkt, um eine bestimmte Pflanze zu kaufen, die wenigstens etwas helfen könnte, um das finstere Energieloch meiner apokalyptischen Toilette im Nordosten zu stopfen.

Und dieser Besuch im Baumarkt war dann übrigens der Moment, wo ich das letzte Mal mit Steffen am Telefon gesprochen hatte… Da Steffen keine Kraft hatte und nur schlafen wollte, sollte ich an dem Tag nicht mehr bei ihm vorbeikommen. Außerdem wollte ich ihn ja sowieso am nächsten Tag besuchen. Also kümmerte ich mich eben weiter um meine Wohnung. Zu oft war Steffen schon im Krankenhaus gewesen und ist immer wieder nach Hause gekommen, warum sollte ich mir um diesen Fakt Sorgen machen. War doch nur eine Verstopfung, hat der Arzt gesagt…

Also fuhr ich zurück nach Hause, reinigte die Wohnung nach einem bestimmten Ritual, stellte Dinge um und Pflanzen auf. Und da war plötzlich diese Energie. Ich arbeitete noch bis 22:00 Uhr an diesem Abend. Ein Fakt, der bei der mir zur Verfügung stehenden Energiemenge eigentlich unmöglich ist.

Und am nächsten Tag war Steffen tot.

Scheiß Vastu, habe ich gesagt. Warum? Habe ich gefragt.

Aber schon bald war klar, dass der polnische Abgang für Steffen das Allerbeste war. Er hätte ab dann nur noch gelitten. Lebertransplantation, Niere, Dialyse und dabei bemitleidet werden beim langsamen Dahinsterben.

Und das Vastu hat es vielleicht optimal beendet? Keine Ahnung.

Nun, seit diesem Tag beschäftigt mich jedoch das Thema Vastu ziemlich intensiv. Jede Wohnung, die ich betrete, scanne ich im Kopf nach den Gesichtspunkten des Vastu ab, das ist mein neuer Tick. Selbst für meine Psychotherapeutin habe ich mich entschieden, weil sie dort eine Statue der Lakshmi in der Ecke auf dem Boden sitzen hat.

Eigentlich wollte ich ja im Herbst nach Indien gehen, um dort eine entsprechende Ausbildung zu machen, aber das ist ja nun aus Gründen nicht wirklich möglich und bei meiner letzten Indienreise bin ich den Mitreisenden deswegen schon ziemlich auf den Keks gegangen. Zumal die westlich orientierten Inder Vastu als ziemlichen Kokolores abtun und der Reiseleiter mit den Augen leierte.

Aber auf der anderen Seite hörte ich auch oft von Indern, dass die Orientierung der Inder zum Westen hin, diese ihre Wurzeln vergessen lässt. Daher sind andere Inder wiederum froh darüber, wenn sich wenigstens die weißen Langnasen für ihre Kultur interessieren und das Wissen dadurch weiterleben lassen.

Also fand ich hier in Deutschland eine Akademie, die diese Ausbildung im Fernlehrgang anbietet.

Und das ist also das dritte Ding, was ich gerade tue: Vastu

Deswegen gibt es hier gerade kaum Neuigkeiten auf diesem Blog. Das ist richtig doof, ich weiß, aber ich arbeite daran. In den wenigen vier Stunden pro Tag, in denen ich auffassungsfähig bin …

Ich habe hier endlich etwas gefunden, das mich dermaßen erfüllt und beschäftigt! Das erste Mal in meinem Leben lerne ich gerne, denn ich hasse eigentlich lernen! Ich sitze hier mit Leuchtstift und Hausaufgabenheft, Notizblock und Zeichenmaterial, durchforste das Internet und bin im positivsten Sinne „verloren“.

Ich bräuchte eigentlich noch mehr Zeit oder zumindest mehr Energie. Aber das dauert wohl noch, denn diese geringe Aufmerksamkeitsspanne ist eine ziemlich üble Nebenwirkung der Trauer und geht nicht mal eben einfach weg.

Und was willst Du mit dieser Ausbildung dann später tun? Nun, die Frage können sich bald ganz viele in der nahen Zukunft leider selbst stellen.

Wichtig ist doch, dass es mich erfüllt und glücklich macht. Denn dafür sind wir auf der Welt, um aus uns heraus glücklich zu sein.

Und man kann trauern und gleichzeitig glücklich sein. Denn ohne Steffens Tod könnte ich dies alles gerade nicht machen. Alles ist verbunden.

„Die Wunde ist der Ort, wo das Licht eintritt“

Rumi

Und wie der Papa meiner neuen Heldin Lou Andreas-Salomé schon gesagt hat:

„Werde die, die Du bist!“

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