Der zweite Tag

Tag 2 in meinem Elternhaus ganz allein. Ohne Mama schon länger, ohne Papa seit einem Tag. Nur die Katze, der Ofen und ich. Genügend Zeit, um mir Gedanken über das Leben zu machen.

Meldung von Papa

Papa meldet sich stündlich mit allen Vorkommnissen aus dem Görlitzer Krankenhaus. Die gestrige OP hat er sehr gut überstanden, gleich kommt die Visite, der weitere Untersuchungen folgen. Freunde haben ihn vor Ort besucht, ihr habt ihm die Daumen gedrückt. Er ist sehr glücklich, dass so viele Menschen an ihn denken. Das hätte er nicht gedacht. Der Blog ist doch zu was nütze.

Alles ist dort vorerst unter Kontrolle, da es sich dabei um einen sehr langsam wachsenden Hautkrebs handelt, dem halt einfach ab und zu die Flügel gestutzt gehören. Jetzt war es wieder so weit. Das ist das Gute in dem Alter, die Zellen wachsen nicht mehr so schnell wie bei Steffen. Die guten und die bösen Zellen nicht.

Das Essen ist gut und wesentlich appetitlicher als in der Charité. Fast hätte ich mich dazu gelegt. Mein Gott:  Buchteln mit Vanillesoße und das im Krankenhaus! Die Brötchen und das Brot zum Frühstück und zum Abendbrot kommen vom hiesigen Bäcker und es gibt keine Schwitzwurst, wie woanders. Die Schwestern sind sehr nett und mein Papa betont ständig, es wäre für ihn wie im Sanatorium.

Das Haus und ich

Also habe ich genug Zeit und Ruhe, das Haus zu hüten, nachdem ich heute gnadenlos verpennt habe. Es waren -4 Grad in der Nacht, aber da ich wie der Teufel geheizt habe, habe ich nichts davon mitbekommen. Die Zombie-Apokalypse kann kommen, ich brenne sie alle weg! Feuern kann ich.

Der Morgen empfängt mich mit wunderbarem, klarem und blauem Himmel. Alle Wiesen sind mit Raureif überzogen. Ach, ist schon schön hier.

Raureif
Frostiger Morgen mit Raureif

Gedanken über die Trauer

Wenn man den ganzen Tag mit sich allein ist, hat man viel Zeit, um nachzudenken. Ich meine nicht grübeln und zerfleischen, sondern in Ruhe nachdenken. Das mag ich sehr, Zeit mit mir allein zu verbringen. Ich liebe es, es ist das Größte für mich.

Dieses Häuschen hier ist voller Erinnerungen an meine Mama. Ein kleines Museum. Ich kann komplett nachvollziehen, warum mein Vater das macht und ich weiß, warum ich es nicht mit Steffen so mache. Jeder ist verschieden. Es gibt keinen Zeitplan, wann man was wie zu machen, wegzuräumen und die Trauer abzuhaken hat.

Jeder. Ist. Anders!

Wer gibt uns das Recht, darüber zu richten, wer oder was der andere ist, wie er lebt und was er denkt? Ich weiß, wie leicht es fällt, über andere zu urteilen, wenn man etwas derartiges noch nie erlebt hat. Es ist für einen unvorstellbar, und man verfällt in die Denkmuster, die man sich selbst für derartige Momente zurechtgelegt hat.

Wie oft habe ich gesagt: wenn Steffen stirbt, dann bringe ich mich um, denn dann habe ich nichts mehr, was mich hier noch hält. Und was ist passiert? Ich lebe noch. Alle Selbstmordgedanken waren plötzlich mit Steffens Tod wie weggeblasen und sind nie wiedergekommen. Und ich war mir doch so sicher, dass es genauso sein würde.

Ich dachte der Schmerz wäre nicht auszuhalten. Aber was bedeutet nicht aushalten? Der Körper ist nicht so gnädig und schaltet sich bei seelischem Schmerz ab. Er schaltet sich nur bei Organversagen und körperlichen Schmerzen ab. Die Seele ist auch hier mal wieder ein komplett anderes Ding und nicht kalkulierbar.

Man begreift, dass man nun nur noch mit sich allein ist. Dies bringt einen aber dazu, über sich selbst nachzudenken. Was einen eigentlich im Innersten ausmacht, nachdem man sein Leben lang bisher immer nur für andere da war und für andere gelebt hat.

Lebensträume?

Und damit meine ich nicht persönliche Selbstaufopferung und das sich zurückstellen für jemanden, sondern eher das Leben anderer Leute, Erwartungshaltungen oder auch die Träume anderer Leute.  

Man lebt manchmal anderer Leute Leben, Träume und deren fremde Lebensmodelle, da man ein bisschen so sein will, wie die anderen. Auch wenn man sich dessen eigentlich bewusst ist, macht man dies alles irgendwie unbewusst. Was ist denn mit manchen Träumen, die man für später hat?

Zum Beispiel möchte der eine dann ein Haus da und da haben und einen Hund und einen See, soundsoviel Kinder und ein Auto. Aber das ist der Traum von jemand anderem, der uns dieses Bild irgendwann einmal ungewollt ins Hirn gepflanzt hat. Unbewusst natürlich, ohne böse Hintergedanken. Nur weil halt dieses Wunschbild einfach in unseren Medien so präsent ist.

Karriere?

Oder wie ist es mit der Karriere? Eine Aneinanderreihung von Wenn- und Dann. Nur wenn du gute Zensuren hast, dann kannst du das Studium machen. Wenn du fleißig genug im Praktikum bist, bekommst du dann auch einen Job und benehme dich so und so anderen gegenüber, weil nur dann wirst du ein Boss. Und wenn Du ein Boss bist, hast du Geld. Wenn Du Geld hast, hast du ein Haus, schöne Kinder, einen Couchtisch mit Kunstbüchern darauf, eine bezaubernde und adrette Frau (oder Mann). Und dann musst du das alles wiederum allen anderen zeigen, damit das auch alle genau so wollen.

Und wenn man das dann alles endlich erreicht hat, steht man da und denkt sich so: „hm, das soll es also gewesen sein?“. Auch hier gilt, der Weg ist das Ziel. Die Reise zu dem jeweiligen Ziel ist meist aufregender und prägender als das erreichte Ziel selbst.

Da aber nicht alle Menschen die Fähigkeiten haben, sich so durchzusetzen, vielleicht zu empathisch sind, und daher die Kollegen nicht wegmobben können, scheitern die meisten an sich oder besser, an diesem Glaubenssatz, da sie denken, dass sie nicht richtig sind, da sie nicht in dieses System passen.

Und wenn man bedenkt, wie wenige Menschen eigentlich reich und an der Spitze sind und wie viele arm und deswegen unglücklich, liegt es doch irgendwie daran, fremder Leute Traum zu leben, oder was meint ihr?

Vielleicht hilft es, wenn man einmal in sich hineinhört, was einen eigentlich wirklich glücklich macht. Wertungsfrei. Und darüber nachdenkt, wie man es schaffen könnte, dieses Leben in unserer kapitalistischen geldorientierten Gesellschaft so umzusetzen. Und ja, ich weiß, das ist furchtbar schwer und manchmal scheinbar unmöglich.

Verrückte Gedanken

Und was passiert, wenn man versucht, nur noch man selbst zu sein? Denn dann wird es nämlich wirklich interessant.

Denn wenn man eine Ahnung davon bekommt, wer man ist und was man eigentlich will, hat man ein reales Ziel, für das es sich zu leben lohnt. Denn wir haben nur dieses eine Leben hier und jetzt.

Man kann auch sein ganzes Leben auf der Reise sein und jeden Moment genießen.

Es gibt kein falsch oder richtig, denn jedes Leben ist einzigartig.

Wenn ich jetzt auf mein eigentlich sehr kurzes, aber viel zu intensives Leben zurückblicke, habe ich eines gelernt: alles kann sich innerhalb einer Stunde, eines Monats, eines Tages komplett ändern. Jede Planung wird auf einmal hinfällig. Nur ein Monat, nur eine Stunde ändert unser Leben. Ständig.

Und das ist der Grund, warum ich mittlerweile gerne weiterlebe, denn es gibt nach so vielen Jahren das erste Mal jeden Tag neu und mich selbst zu entdecken, jeder Tag ist aufregend und anders. Man muss nur bewusst sein.

In der Welt um uns herum ändert sich alles ständig. Beschissene Momente wechseln zu atemberaubend großartigen Momenten.

Nichts ist für immer. Schlechtes sowie auch Gutes.  

Und sie kommen nicht zurück, wir gehen hin.