11. April 2019

Ich schlafe seit zwei Monaten wieder einmal auf dem Sofa im Wohnzimmer. Wie vor zwei Monaten bei dem anderen Steffen. Dem jetzt leider toten Steffen.

Ich lasse meinen Bruder Steffen extra etwas ausschlafen, denn der Jetlag steckt ihm noch tief in den Knochen. Daher bereite ich das Frühstück vor und wir frühstücken gemeinsam. Steffen konnte sich schon gestern alles wünschen, was er in Australien vermisst: gutes Brot, Sahnehering und Räucherfisch. Dazu gibt es frischen Orangensaft mit Ingwer. Wir verquatschen uns fast schon wieder, aber wir müssen los, denn die Zeit läuft.

Wir bringen zunächst noch die ganzen alten Bierflaschen vom Balkon ins Auto und danach zum Getränkehändler.

Das wollte mein lieber Steffen schon vor einem Jahr machen, denn die ständigen Besuche unserer Freunde sorgten dafür, dass sich mit jedem Besuch eine neue Tüte voll mit leeren Bierflaschen auf dem Balkon türmte. Ich selbst bin dazu in den letzten Monaten einfach nicht gekommen. Aus Gründen.

Nachdem wir all das Leergut gegen Wasser und Mate für die morgige Feier eingetauscht haben, fahren wir noch schnell in die Cateringküche, um die vorbereiteten Speisen in das Auto einzuladen.

Dann geht es endlich los auf die Autobahn Richtung alte Heimat. Gegen die schlechte Radioversorgung außerhalb von Berlin wehren wir uns mit unserer sehr guten Playlist auf Spotify:

Und nach drei Stunden Autofahrt kommen wir endlich exakt um 15:00 Uhr in der Feierlocation an.

Es ist kalt in Ebersbach. In Berlin war schon Frühling, aber hier sind noch 5 Grad und die Wolken ziehen sich langsam zu.

Schon vor Wochen hatte ich das Schützenhaus gegenüber dem Friedhof und der Kirche genau am Bad reserviert. Ich ahnte damals schon, dass wohl mehr Personen als üblich kommen würden, die gerne noch ein Weilchen zusammen sitzen möchten, um Steffen zu gedenken.

Schnell sind die Schlüssel übergeben und die Räumlichkeiten in Beschlag genommen. Und wie auf ein Zeichen sind Frau V. und Herr R. auch schon da! Sie sind direkt aus Wien auch mit dem Auto gefahren gekommen. Wien ist ungefähr fünf Autostunden entfernt. Wir umarmen uns und drücken uns fest, wie schön. Ich bin erleichtert, ich werde diese Beerdigung nicht allein organisieren müssen.

Schnell sind alle mitgebrachten Speisen in die Kühlschränke geräumt. Wir verabschieden uns erstmal, damit die beiden Wiener ins Hotel einchecken können und verabreden uns für später zum Kaffee trinken bei meinem Papa.

Steffen und ich fahren nun in unser Elternhaus. Mein Papa steht schon in der Tür und erwartet uns. Mein Bruder und mein Papa sehen sich jetzt das erste Mal seit 1,5 Jahren wieder. Sie drücken sich fest.

Mein Papa und ich haben schon einen Plan, wie es jetzt weiter geht. Zuerst schicken wir meinen Bruder ins Bett, damit er sich noch etwas vom Jetlag erholt. Sogleich fahren wir nach Tschechien. Das ist keine Weltreise, denn die tschechische Grenze ist nur zwei Kilometer von meinem Elternhaus entfernt.

Im dortigen Getränkehandel haben wir für heute 6 Kästen feinstes unpasteurisiertes böhmisches Bier bestellt. Das Lieblingsbier von meinem Steffen. Sicherheitshalber erhöhen wir die Kastenanzahl auf 8 und fahren diese direkt in das Schützenhaus, und laden diese im Vorraum ab.

Die Getränkefrage hätten wir also gelöst.

Auf dem Rückweg machen wir noch einen kurzen Zwischenstopp beim besten Bäcker der Welt und holen etwas Kuchen zum Kaffee.

Zuhause warten schon Herr R. und Frau V. auf uns und wir kochen Kaffee. Nun lernen mein Papa und mein Bruder langsam meine engsten Freunde kennen. Mein Papa zeigt stolz das Haus und Bilder meiner Mama, die ja auch schon seit 8 Jahren tot ist. Mit dem Tod kennen wir uns leider aus.

Schnell sind so die Stunden bis 19:00 Uhr vergangen.

Vorausschauend hatte Papa schon einen Tisch im tschechischen Restaurant genau hinter der Grenze für das Abendessen organisiert und wir spazieren gemeinsam hin.

Vor Ort sind schon K. und A. aus Bremen, die anderen engen Freunde, die dank WhatsApp während Steffens Krebserkrankung im selben Maße wie V. und R. aus Wien zugeschalten waren. Während der gesamten Zeit bekamen die beiden Pärchen nahezu jede Woche ein Live-Video, wie es uns gerade erging. Ihr könnt Euch übrigens gar nicht vorstellen, wie dankbar ich für diese Videos bin! Jetzt kann ich mir in meinen schwärzesten Momenten einfach ein Video mit Steffen anschauen, höre seine Stimme, wie er spricht und Witze macht. Dadurch ist Steffen für mich nie wirklich weg. Ich habe immer noch seine Stimme und seine Art für immer auf meinem WhatsApp gefangen.

Eigentlich wollten wir, die Wiener und die Bremer, uns immer einmal zu sechst treffen, wenn Steffen endlich wieder gesund ist. Das hat in dieser Form leider nicht mehr geklappt. Aber diese beiden Paare treffen jedoch jetzt endlich aufeinander. Und Steffen ist ja auch irgendwie hier. Also haben wir dieses Ziel fast erreicht.

Dann ist da noch Frau A., meine verschollene Freundin, mit der ich das letzte Mal vor 5 Jahren gesprochen habe und die wie durch ein Wunder über Facebook von Steffens Tod erfahren hat und ab dann sofort wieder für mich da war. So als wäre vor fünf Jahren erst gestern gewesen.

Frau H., Herr R. und die Baby-Tilda kommen auch noch kurz vorbei. Herr R. hatte mir so großartig beim Beräumen von Steffens Wohnung geholfen und Steffens Wohnung das letzte Mal mit Seele erfüllt, als er eine von Steffens Lieblingsplatten aufgelegt hatte. Genau so, wie es in Steffens Sinne gewesen wäre. In diesem Moment mussten wir beide weinen. Steffens Geist war kurz noch mal vorbei gekommen. Der Verlust von Steffen war so greifbar. Danach hatte uns Frau H. mit einem leckeren Abendbrot aufgefangen. So ein schönes Gefühl ist das, in dieser kleinen Familie aufgenommen worden zu sein.

Und etwas verspätet trudeln aus Berlin noch die beiden Sardinien-Mitreisenden M. und E. ein.

Der harte Kern ist nun vereint. V. und R. aus Wien, K. und A. aus Bremen. Dann mein Bruder, der mit uns bei unserer letzen Reise nach China dabei war, M. und E., die bei unserer letzten Urlaubsreise in Sardinien mit waren. Und Frau A., meine liebe Freundin, Frau H., Herr R. und Tilda und nicht zu vergessen, mein Papa, der Steffen so geholfen hatte.

Wir trinken Bier, wir essen Gulasch mit böhmischen Knödeln. Wir lachen, wir reden über Steffen. Steffen ist irgendwie die ganze Zeit dabei, indem wir über ihn reden, erzählen, wie wir uns alle kennen gelernt haben und welche Rolle er für uns alle im Leben spielte. Und was wir für Geschichten mit Steffen erlebt haben.

Steffen wird dennoch schmerzlichst vermisst.

Wir bereden den morgigen Zeitablauf. Alle sagen mir für morgen die größtmöglichste Unterstützung zu.

Langsam lehne ich mich zurück und beobachte alle, wie sie sich alle so perfekt miteinander verstehen. Steffen ist der kleinste und gleichzeitig größte gemeinsame Nenner.

Ich spüre, der morgige Tag wird episch und ich habe die besten Freunde an meiner Seite.

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