Ich muss meine verbitterten Erstberichte aus der Reha etwas nivellieren. Ich habe mich hier im ersten Beitrag sehr über die Glotzer aufgeregt und im zweiten Beitrag über die lauten und poltrigen Menschen. Aber eigentlich ist das mein ganz persönliches Problem, denn ich kann mich schlecht abgrenzen.

Was ist seitdem passiert? Gestern musste ich in der Therapiesitzung lernen und begreifen, dass nicht diese Leute das Problem sind, sondern meine Auffassung der jeweiligen Situation, meine eigene Selbstwahrnehmung gespiegelt in deren Reaktionen. Hier kann ich perfekt abgrenzen lernen.

Das eigentliche Problem ist, dass ich, genauso wie fast alle anderen Menschen auf dieser Welt, mich nicht abgrenzen kann.

Wäre ich vollkommen im Reinen mit mir, würde ich ganz sicher komplett gechillt mit der Sache umgehen:

Glotzer

Lass sie glotzen, ist halt so auf dem Land. Sowas wie dich haben die halt noch nie oder sehr selten gesehen. Und wahrscheinlich sehen sie einfach schlecht und brauchen länger um das Gesehene zu verarbeiten. Oder es hat ihnen ganz einfach niemand beigebracht, Leute nicht anzustarren oder in die feine Kunst des unauffälligen Beobachtens eingeführt.

Laute poltrige Menschen

Das sind meist selbst komplett unsicher und suchen verkrampft gleichgesinnte Verbündete, genauso wie damals die verletzten Jugendlichen aus der Raucherecke.

Da ich aber nicht im Reinen mit mir und daher zu Recht in dieser Klinik bin, gehen manchmal einfach die Pferde mit mir durch. Also entschuldigt meine verbalen Gewaltexzesse. Und ich muss gestehen, nach einer Woche in der Reha glotze ich die Neuankömmlinge hier genauso blöd an. Das faszinierende am Leben ist, dass man irgendwann alle Antworten geliefert bekommt. Immer.

Wie schaffe ich Abgrenzung?

Im Grunde genommen bedeutet dies:

ich zuerst!

Und danach der ganze Rest. Und es bedeutet, sich selbst so anzunehmen, zu akzeptieren und zu lieben, wie man eben nun mal ist. Vollkommen, mit all den eigenen Fehlern und Qualitäten. Sich selbst aushalten und obendrein sogar lieben, mit all seinen Makeln.

Ich meine keinen Egoismus in Verbindung mit einem unsozialem Verhalten. Natürlich sollte man sein Umfeld nicht aus den Augen verlieren. Aber wenn man nur gibt, ist man irgendwann leer und bricht zusammen. Deswegen muss man auf sich achten, sich an erste Stelle setzen und vor allen Dingen sich selbst zuerst lieben.

Werbung
Kochbuch bei Krebstherapie

Denn niemand wird dich jemals so lieben, wie du dich nur selbst lieben kannst. Niemand kennt dich so gut, wie du dich nur selbst kennen kannst. Und erst dann, wenn du all deine Mängel und Fehler angenommen und lieben gelernt hast, deine Einzigartigkeit, deine Andersartigkeit, deine Unangepasstheit, ja dann bist du im Frieden und voller Liebe mit dir selbst.

Sonnenuntergang am Teich
Sonnenuntergang in der Reha

Solange wir das nicht begreifen, suchen wir

  • diese eine Beziehung, in der einen der Partner auf Händen trägt
  • die Person, die dir deine Wünsche von den Augen ablesen kann
  • den Partner fürs Leben
  • Bestätigung im Außen (bin ich hübsch/schlank/jung/schlau?)

Wir sind enttäuscht, wenn der andere:

  • anders reagiert, als erwartet
  • etwas anderes sagt, als man selbst denkt
  • bei diesem einen Bild/Film/Musik nicht so reagiert, wie man selbst.

Aber wie soll das denn auch gehen? denn Der Andere ist halt der Andere und damit selbst ein komplexes und liebenswertes Universum aus Gedanken, Ideen, Gefühlen und emotionalem Ballast. Genauso wie du selbst.

Wir können natürlich das Glück haben, einmal diesen einen Menschen gefunden zu haben, der genau das versteht und mit dem man gemeinsam einen traumhaften Weg gehen kann. Aber man hat keinen Anspruch darauf. Denn Niemand ist des anderen Eigentum. Zu schnell sind diese perfekten Momente vorbei.

Und wenn man das einmal begriffen hat, gibt es nur einen Weg zum Glück:

Selbstliebe. Bedingungslose Selbstliebe.

Dieses kann man durch diesen Satz, den man sich selbst so oft wie möglich im Geiste wiederholt, erlernen:

Ich liebe mich und ich werde nie etwas tun, was mir seelisch und körperlich schadet!

Das wiederholt man, sooft es geht, auch wenn man es gerade nicht fühlt. Auch hilft dies beim Treffen einer Entscheidung, indem man sich genau diesen Satz vorbetet und den zukünftigen Schritt damit abgleicht. Schadet mir der nächste Schritt? Fühlt es sich gut an? Möchte ich das? Was sagt der Bauch?

Und erst wenn man sich selbst liebt, kann man auch genauso bedingungslos einen anderen lieben, denn Liebe ist bedingungslos. Und wenn man bedingungslose Liebe einmal erlebt hat, merkt man, dass dies der schönste Zustand ever ist.

Gefolgt von sehr gutem Sex (hält kürzer) und sehr gutem Essen (hält länger) 😉

Wie macht sich die mangelnde Selbstliebe im Alltag sichtbar?

Sobald wir unser Haus, unsere Wohnung verlassen, fängt unser Kopf an zu denken:

  • warum guckt der/die so?
  • sieht das gut aus, was ich anhabe?

Wir warten auf irgendein Feedback des Gegenübers und werten dieses dann in dem Maß, wie wir uns in diesem Moment gerade selbst lieben oder empfinden. Das Gegenüber ist die Reflektion unserer eigenen Gedanken. Jeder Mensch da draußen ist der Spiegel unserer eigenen Gefühle.

Beispiel:

Das Gegenüber schaut einen mufflig an. Sofort denkt man, das hat mit einem selbst oder der eigenen Kleidung zu tun, weil wir schon den ganzen Morgen kritisch waren, ob man das so tragen kann. Dabei hat das Gegenüber gerade eine Rechnung vom Finanzamt bekommen und eine Scheißlaune und nimmt dich gar nicht wahr. Aber weil du dich nicht genügend abgrenzen kannst, beziehst du die Reaktion des anderen auf dich.

Und selbst wenn es doch dein Aussehen betrifft: Egal! Solange die Leute über dich reden, bist du eine wichtige Person!

Wenn man es jedoch schaffen würde, sich abzugrenzen, wäre diese Meinung nicht relevant, da man ja komplett vollkommen und geliebt die Straße betritt. Man liebt sich selbst und das was man anhat, wie man aussieht, seine Figur usw., weil man sich ja dafür bewusst und in Selbstliebe entschieden hat.

Natürlich werden viele Leser denken, nein, mein Aussehen ist mir egal und mir ist Wurst, was die anderen denken. Nun gut. Schön. Aber dann geht es weiter:

  • bin ich schlau genug
  • ist das witzig?
  • bin ich zu weit gegangen?
  • war die Antwort richtig?

Natürlich ist es immer wichtig, andere Leute nicht zu verletzten und sich diese Fragen zu fragen, um in der Gesellschaft, wenn es nötig ist, mitzuschwimmen. Es ist ein feiner Grad zwischen dem Verletzen anderer und dem Darstellen des eigenen Standpunktes.

Starke Frauen

Oder ein Problem, welches viele Frauen und Mädchen haben, denen bewusst oder unterbewusst eingeimpft wurde, still zu sein, zu gefallen. Selbst wenn wir sonst unglaublich tough sind und schier alles können, gibt es diese eine Situation, in der wir beginnen zu hadern.

Der Moment wo etwas passiert, dass wir darüber so empört sind, dass sich jemand tatsächlich dieses Recht heraus nimmt, einfach so unsere Grenze mit absoluter Selbstverständlichkeit zu überschreiten und unsere Abgrenzung durchbricht.

Eine Situation, wo eine Grenze überschritten wurde, und wir aufgrund des Erlernten nicht adäquat reagieren:

  • die Hand eines Bekannten auf dem Oberschenkel
  • der sexistische Spruch
  • der Altmännerwitz
  • eine Grenzüberschreitung innerhalb der Familie

Was passiert dann: entweder wir schlucken das runter und das Gegenüber macht immer weiter oder man eskaliert hart und schießt über das Ziel hinaus, weil man nicht zeitig genug die Grenze gezogen hat.

Ich neige dazu, hart zu eskalieren, wenn es zu viel ist und wenn es zu spät ist. So viele Freundschaften wurden dadurch schon beendet.

Das muss nicht sein. Es muss nicht eskalieren. Es gibt dafür Lösungen.

Tipp

Und gestern in der ersten Therapiesitzung habe ich schon ich etwas gelernt, wie man sich leichter abgrenzen kann, was ich gerne weitergeben möchte:

Da gibt es diese Frage, die zum alltäglichen Geplänkel gehört, normalerweise vollkommen unverfänglich ist, von lieben Menschen vollkommen ernst gemeint, aber in bestimmten Situationen deinen Standpunkt herauskitzeln oder eigentlich die Neugierde des anderen befriedigen soll.

Und leider ist es ist eine alltägliche und eigentlich absolut sinnlose Frage an Trauernde:

„Wie geht es Dir?“

Bei der Antwort: „gut“ sind alle entsetzt. Bitte? Sie sollte doch trauern, wie kann es ihr da gut gehen? Vielleicht hat sie ihn doch nicht so sehr geliebt, wie sie immer tut?

Wenn man sagt „schlecht“, antworten manche „ja, da musst du jetzt durch / irgendwann wird’s besser / mir geht’s auch nicht gut, weil …“

Also alles Antworten, die man nicht braucht. Im Idealfall kommt noch ein „das tut mir leid“. Aber nichts davon hilft wirklich.

Die komplette Antwort kann und will in seiner Komplexität von dir eh niemand hören. Niemand könnte das aushalten, was du eigentlich sagen möchtest, der nicht schon dort war. Und seien wir ehrlich, du willst den Sermon des anderen ja eigentlich auch nicht hören.

Was sagt man also dann als verbale Abgrenzung?

Und bei dieser Antwort bin ich ob ihrer schieren Einfachheit fast vom Stuhl gefallen. Und ich persönlich denke, dass Worte Waffen oder Schutzschilder sind. Einmal richtig eingesetzt, schaffen sie es, dich, dein Herz und deine Seele von der Welt da draußen abzugrenzen. Abgrenzen leicht gemacht.

Die Schutzwallantwort lautet:

„ich bin zufrieden“.

Bums, Ende, aus die Maus. Ruhe im Karton. Man gibt den anderen auf diese Weise genügend Raum für Interpretationen und sagt dabei jedoch nichts über sich aus.

Das funktioniert ideal in einer oberflächlichen Welt. Natürlich gilt das nicht für Menschen, die einem nahe stehen und deren Meinung einem wichtig ist. Und natürlich kann man immer noch in jeder Situation individuell entscheiden, wie man reagiert.

Aber immer wieder gerät man an Fragen, wo man sich abgrenzen muss, weil es keinen zu interessieren hat und diese werden bei jedem anders gestellt.

Daher hier noch eine zweite Killerantwort:

„Warum willst du das wissen?“

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Werbung