Die Alpen

Heute ist der Tag der großen Alpendurchquerung. Nennt mich Dannibal. Auf meinem Eisenschwein, welches nur Diesel frisst, werde ich die Alpen bezwingen. Oder so.

Der Morgen

Pünktlich gegen sechs werde ich wieder munter, mein Zimmer ist muckelig warm. Glücklicherweise wurde gestern Abend noch die Heizungsanlage angestellt. In einem verrückten Moment dachte ich gestern noch kurz, ich springe heute früh ins Wasser und schwimme eine Runde, da dieses laut Aussage der Fischer wohl 20 Grad Wassertemperatur habe. Ich verwerfe diese Idee jedoch in dem Moment, in dem ich die Balkontür öffne.

Kalte und frische klare Luft strömt mir entgegen, doch draußen ist es echt krass kalt, also so um die 6 Grad. Mich leicht schüttelnd verwerfe ich sofort den Gedanken ans Schwimmen und genieße dafür die morgendliche Stille über dem See und kuschel mich noch mal ins Bett, um weiter an diesem Blog zu schreiben.

Im Bett konnte ich ja nur die linke Seite nutzen, weil auf der rechten Seite offensichtlich die Männer schlafen. Ist ja auch näher an der Tür, die rechte Seite. So kann der Mann Einbrecher schneller niederschlagen und sein Frauchen beschützen. Aber die Männer, die ich kenne, würden den Einsatz eher verschlafen. Was also am Ende bleibt, ist eine hängemattenähnliche Kuhle, die ich in der Nacht ignorierte.

Frühstück

Pünktlich 8:00 Uhr gehe ich hungrig hinunter zum Frühstück und wähle den ab heute von mir präferierten Platz für die schwarze Witwe aus, also den prädestinierten Platz für mich. Dieser Platz befindet sich stets irgendwo in der Ecke, aus welcher man stets das ganze Szenario im Speiseraum beobachten kann. Man kann auch in die andere Richtung schauend die Ecke beobachten, je nach gusto. Das mache ich heute, da wir in einem Wintergarten sitzen und ich so den ganzen See überblicken kann.

Das Frühstück ist reichlich, der Kaffee blubbert tiefschwarz aus den riesigen Thermosbehältern. Das ist genau das, was ich jetzt brauche. Es gibt verschiedene Brotsorten der Region, Wurst und Käse, Gemüse und Melone aufgeschnitten, Eiercreme und viel Kuchen. Der Süden winkt mit seinem süßen Frühstück schon über die Alpen.

Danach checke ich aus und stecke dem Inhaber noch die zwei Euro Kurtaxe zu und besteige das Eisenschwein, denn der Roadtrip geht weiter.

Um den Attersee

Die Straße schlängelt am Ufer des Attersees entlang, hinter jeder Kurve bietet sich ein neuer atemberaubender Anblick, der mich zwingt, anzuhalten und Fotos zu machen.

Links ragt plötzlich riesig das Höllengebirge hervor. Es ist beeindruckend schön und es ist erst der Anfang der schönen Dinge, die ich heute sehen werde.

Sage aus dem Höllengebirge

Im Höllengebirge soll der Teufel eine zanksüchtige Köchin verloren haben, die sich im festen Griff des Teufels so wandt und keifte und wahrscheinlich kneifte, dass sie ihm entglitt und während des Fluges über dem Gebirge herunterfiel und direkt in die Hölle fuhr. Sie ward nie mehr gesehen. Ich habe sie auch nicht gesehen.

Hallstadt am See

Dies ist mein erstes Etappenziel bei meiner Alpendurchquerung für heute, denn es gibt da ein Beinhaus mit bemalten Totenschädeln. Sorry, ich bin etwas komisch, aber das wisst Ihr ja bereits. Steffen kann es nicht mehr auffangen, deswegen kriegt ihr es nun ungefiltert ab.

Die Fahrt nach Hallstadt am See schlängelt mich durch Alpentäler mit wilden Bächen und an diesem wunderbaren Hallstädter See entlang. Es ist so schön, dazu fällt mir gerade nichts mehr ein. Spontan parke ich auf einem Parkplatz, um Fotos zu machen. Auf dem Parkplatz steht noch ein Pärchen mit seinem Campingwagen, welches seine Räder aktiviert, denn sie sind sehr schlau. Ich werde es gleich erfahren, warum.

Auf dem Weg nach Hallstadt gibt es mehrere Baustellen, so steht man die ganze Zeit im Stau. Bei der Aussicht ist das aber nicht weiter wild.

Hallstadt selbst kann man mit dem Auto nur durch einen Tunnel befahren. Dieser wird gerade gebaut und die Autos werden abwechselnd durch den Tunnel gelassen, so dass auf jeder Seite lange Warteschlangen entstehen.

Aber schnell ist dann ist auch diese Hürde bezwungen, denn es ist ja noch früh. Man schlängelt sich also mit den anderen Autos durch den Ort, um mit Hilfe des Parkleitsystems zu seinem Parkplatz geschlängelt werden. Noch gibt es Parkplätze. Orientierungslos stürzen Touristen aus dem Auto. Wie geht das jetzt, wo muss ich hin? Das steht in großen Lettern auf ihren Stirnen geschrieben.

Und jetzt kommt meine große Stunde: ich zerre mein Fahrrad aus dem Eisenschwein und fahre an den ganzen weißen Langnasen vorbei ins Dorfzentrum von Hallstadt.

Chinesen

Und alle Chinesen sind schon da! Ja, es ist wie eine Parabel auf die Wirtschaft. Die Chinesen fotografieren, schnattern, sind gut gekleidet und uns um Nasenlängen voraus. Sie sind ein bisschen wie die Borg aus Raumschiff Enterprise und irgendwann werden sie uns wirtschaftlich gnadenlos überrollen und wir werden nur noch ein Freilichtmuseum für die Chinesen sein. Ich mag Chinesen sehr, sie haben eine sehr gute Küche.

Aber mit meinem Fahrrad bin ich sogar schneller als die Chinesen und fahre direkt zur Kirche durch dieses kleine wunderschöne, ja geradezu zuckersüße Alpendorf. Es ist so süß, dass es klebt. Ich muss auf den Friedhof. Memento Mori. Auch dieser ist pittoresk. Die kleinen Holzkreuze, der Blick über den See. In der Kirche brenne ich eine kleine Kerze für Steffen an, das kann nicht schaden. In dem Moment fällt direkt der Sonnenstrahl auf mich. Läuft bei uns.

Also ab ins Beinhaus. Unter der Kirche ist noch eine kleine Gruft, in welcher der Sarkophag eines Reichen liegt, welcher bestimmt hat, dass er aller 50 Jahre im Sarkophag durchs Dorf getragen und über den See zu seinem Haus am anderen Ufer gefahren wird. Das hat man wohl auch zwei Mal gemacht. Finde ich eine gute Idee.

Das Beinhaus

Das Beinhaus befindet sich unter einer kleinen Kapelle auf dem Friedhof und kostet 1,50 EUR Eintritt. Die Chinesen haben es noch nicht gefunden, ich habe Glück und öffne die Tür und bin ganz allein mit 1000 Totenschädeln von denen 600 bemalt sind, welche mich aus ihren leeren Augenhöhlenn anstarren. Ich genieße die Ruhe und die Einkehr mit mir.

Da auf dem Friedhof so wenig Platz ist, hat man vor über hundert Jahren angefangen, nach 10-15 Jahren die Särge wieder auszugraben, die Bein- und Schädelknochen zu säubern und dann in der Sonne zu trocknen und zu bleichen. Dann haben die Totengräber die Schädel bemalt und im Beinhaus nach Familiennamen sortiert.

Ok, genug gesehen, ich fahre zurück zum Auto. Auf der Parkleitsystemtafel sehe ich, dass schon 2 Parkplätze voll sind. Ich verstaue das Fahrrad und verlasse den Ort. Der Stau vor der Tunnelampel außerhalb des Alpenortes ist mittlerweile einen Kilometer lang. Yeah! Alles richtig gemacht.

Die Weiterfahrt

Also fahre ich weiter Richtung Spittal an der Drau. Ich fahre normal auf der Landstraße, da ich keine Vignette für die Autobahn kaufen möchte und mehr von den Alpen sehen will. Denn ich war ehrlich gesagt noch nie wirklich in den Alpen, ja in Garmisch-Patenkirchen und zig mal drüber geflogen, aber nie drin.

Der Mond weißt mir den Weg, da er beim ersten Teil der Etappe immer genau vor mir ist. Steffen ist dabei. Ich muss voll heulen, weil es so schön ist und es Steffen so sehr gefallen hätte.

Ich verstehe jetzt, was er meint. In den Alpen ist alles unglaublich imposant und berührend. So massiv schön, dass es schreit. Dass es uns die Demut lehrt, dass wir im Großen und Ganzen betrachtet mit unserem mickrigen Leben nur ein Fliegenschiss sind im Lauf der Geschichte sind.

Mit den Alpen ist es ist ein bisschen wie mit dem Film „Amelie“. Aus dem kamen nachher alle verklärt aus den Kinosälen heraus, und flüsterten, wie schön das Leben doch sei. Also für die etwas abgestumpftere breite Masse sind die Alpen perfekt und erzeugen endlich einmal Gefühle.

Die Alpen sind also eher Tuba, während das normale Leben Flöte ist.

Das Eisenschwein

Währenddessen kämpft sich mein tapferes Eisenschwein, also mein kleiner Renault Kangoo, die Pässe mit 15% Gefälle hoch und runter. Das Schweinchen kommt an seinen Grenzen. Mehr als 50km/h will es bei den Steigungen nicht machen und ich will es nicht quälen. Ich mag mein Auto sehr.

Hinter mit drücken immer irgendwelche Sportpfeifen, die endlich mal ihr Autchen ausfahren dürfen. Mehrmals fahre ich rechts ran und denke mir meinen Teil. Dieser Teil ist nicht so fein. Auf Parkplätzen sehe ich dann die dicken Männer, die sich aus diesen Sportwagen schälen. Ja genau. Das Teil. Kein Neid, keine Sorge. Ich mag die kleinen Sportwagen nicht, weil man sich als 1,80 m Bohnenstange immer ziemlich unelegant herein- und herausschält. Ich mag große Autos.

Nach den Pässen kommen diese riesigen Täler. Wer mäht eigentlich immer den ganzen Rasen so akkurat? Die Täler sind das perfekte Gegenstück zu den Alpen. Alles ist mir bald zu viel. Zu schön und zu perfekt. Ich bekomme Hunger. Ich brauche eine kleine Pause, um den Zuckerpegel wieder hochzuschießen und eine heißgeliebte Frittatensuppe zu bestellen.

Rinderbrühe

Oh, wie ich eine gute echte Rinderbrühe liebe. Stundenlang gekocht mit einer feinen braunen Tönung. Oh, dieser wunderbare Geschmack. Hier im Süden, in Schwabenland, Bayern und Österreich gibt es in jedem Gasthaus eine richtige Brühe. Ich gehe jedes Mal fest.

Danach noch einen Palatschinken mit Eis und selbstgemachten Schlagobers, und weiter gehts.

Die Grenze zu Italien

Ein letzter Pass, der Pass mit der italienischen Grenze oben drauf. Davor sind Gräber aus dem ersten Weltkrieg. Irgendwelche armen Kerle haben sich totschießen lassen müssen für den Wahn anderer. Wiederkehrender unnützer Scheiß. Das tut mir leid.

Endlich passiere ich die italienische Grenze. Hier oben ist auch ein Kriegsdenkmal, da der Pass im 1. Weltkrieg heftig umkämpft wurde. Ich klettere ein bisschen herum und fotografiere eine Ruine und geh zum Auto zurück. Das Restaurant auf dem Pass ist schon in italienischer Hand, alles sieht etwas heruntergekommen und schrabbelig aus. Ich atme auf, nach der Perfektheit der vergangenen Stunden ist das Schrabbelige Balsam auf meiner Seele. Perfektes ist in meinem Leben einfach nicht vorgesehen.

Nun schraube ich mich eine atemberaubende Serpentinenstraße wieder Richtung Tolmezzo herunter. Ich drehe am Radioregler und bekomme die ersten italienischen Sender rein.

Das erste Mal in Italien Autofahren ohne Steffen. Es fühlt sich so falsch an, ich muss heulen. Auch nicht gut bei Serpentinen. Aber funktioniert. Ich kann nicht sagen, „los, such mal einen fetzigen Sender“. Keiner da, neben mir. Die Hand, die sich auf Schenkeln ausruhen will, greift ins Leere.

Mein rechter, rechter Platz ist frei, ich wünsche mir den Steffen herbei.

Verzegnis

Ich bin angekommen, in einer Region, von der ich nichts wusste. Mein Desinteresse für die Alpen ist zu groß und auch nicht gut, ich weiß. Ich dachte immer, hinter den Alpen ist Südtirol. Und dort will ich nicht hin. Ich mag kein Humptata. Und jetzt bin ich in Verzegnis.

Schon wieder bin ich über eine bizarre Geschichte gestolpert:

Die Besessenen von Verzegnis

Im Winter 1878 behauptete ein Dorfmädchen, eine gewisse Margerita Vidusson, vom Teufel besessen zu sein. Dies griff auf 24 Mädchen und einen Karabiniere über. Die Besessenen schrieen und lästerten in unverständlichen Sprachen und hatten außergewöhnliche und tierische Kräfte. Alles wurde beendet durch das Eingreifen des Arztes und aufgeklärten Udineser Freimaurers Giuseppe Chiappolino. Über diese Vorfälle berichtet der Roman Die Besessenen von Verzegnis von Pietro Spirito.

Quelle: Wikipedia

Es fühlt sich hier an wie eine Mischung aus Italien und Slowenien, mit ihrer eigenen Sprache, die sehr slawisch anmutet. Meine Unterkunft hat die Zimmerschlüssel an die Außentür gehängt, mit Namen drauf.

So ruhig ist das hier.

Al Fogolar Rooms & Osteria

Via Udine, 15, 33020 Verzegnis UD

https://www.alfogolar.it/

Unten ist ein sehr gutes Restaurant. Es öffnet aber erst 19:30 Uhr und ich Spießer habe mich an ein Abendbrot gegen 18:00 Uhr gewöhnt.

Ich verbringe die Zeit mit einem sehr guten Merlot draußen auf der Veranda und beobachte das Dorf. Keiner spricht hier deutsch. Das ist perfekt, das ist das, was ich wollte.

Endlich gibt es das Essen, ich fresse mich so voll, ich falle 21:20 Uhr direkt ins Foodkoma. Deswegen gibt es den Bericht erst jetzt.

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