Bologna

Ich habe mich sehr schnell an das 1 m breite Bett gewöhnt und bin nicht herausgefallen. Schnell schreibe ich wieder alles fertig und gehe zum Frühstück. Es ist keiner außer mir da, der Chef kümmert sich persönlich um mich. Die Rezeptionistin und die Küchenhilfe plappern und ignorieren mich. Hilflos hebt der Chef die Schultern. Langsam habe ich mich an das Szenario gewöhnt, die Männer sind nett und helfen gerne, die Frauen ignorieren mich, so gut sie können. Ist mir aber mittlerweile schnurz, ich bin ja immer nur kurz an den jeweiligen Orten. Und heute in Bologna.

Mit dem Fahrrad nach Bologna

Von meiner letzten Tour nach Treviso oder Padua habe ich gelernt, dass es ein sehr stressiges Unterfangen ist, mit dem Auto in die Innenstädte zu kommen. Die Straßen sind eng, die Parkplätze sind rar und die Parkregelungen sind mangels von Sprachkenntnissen leicht zu missdeuten.

So viel einfacher ist es doch mit dem Fahrrad. Man kann hier generell auf dem Bürgersteig fahren, die Fußgängerwege sind auch für die Fahrräder da und spezielle Radwege sind auch noch ausgeschildert. Die Innenstädte kann man super komplett mit dem Fahrrad befahren.

Zugegeben, die professionellen Rennfahrer gucken alle ganz schön, wenn die riesige schwarze Witwe (die sind hier alle maximal 1,70 m groß) kommt, im schwarzen Rock, T-Shirt und Fahrrad. Und sie alle so bunt, wie bei der Tour de France. Sind aber auch schneller als ich. Aber auch das ist mir egal. Die Leute gucken eh ständig, langsam gewöhne ich mich dran, ich kann ja eh nichts ändern.

Der Himmel ist blau und klar, die Luft ist angenehm und etwas feucht und riecht nach Erde, nach Herbst und ein bisschen nach Indien und Ozon. Es sind angenehme 18 Grad. Ich fahre dämlich grinsend wie Amelie den Hang Richtung Bologna hinunter. Vorbei an herrschaftlichen Palazzi, umgegrabenen Feldern und Omas, die ihre Hundchen oder Enkel spazieren führen. Zeit für eine kleine

Nabelschau

Schmerzhaft wird mir wieder bewusst, was ich gerade für ein Glück habe, diese Reise zu machen. Dieses Glück war Steffen nicht vergönnt. Vor genau einem Jahr gab es einen der wenigen Lichtblicke, denn wir sind heute vor exakt einem Jahr nach Sardinien geflogen. Steffen ging es furchtbar elend, denn die Chemotherapienebenwirkungen fingen gerade an. Krampfhaft haben wir versucht, an der nicht mehr zu generierenden Normalität festzuhalten. Was für ein grauenvoller Kampf.

Und es ist erschreckend und beängstigend, wie sich alles innerhalb eines Jahres ändern kann.

Natürlich mache ich mir Gewissensbisse, dass ich das Geld hier nur so heraushaue. Aber jetzt ist die einzige Möglichkeit es zu machen und zu genießen. Wer weiß, was wieder in einem Jahr ist los ist. Was dann passiert, oder auch nicht. Muss ich jemanden helfen, oder kann ich nicht weg? Passiert mir was, warum ich nicht reisen kann? Zu oft habe ich das schon erlebt. Irgendwas ist doch immer. Und das magische „Sparen für später“ ist ja nun komplett durch. Meine Definition von „später“ wurde vaporisiert und muss erst neu definiert werden. Deswegen bin ich hier, ein Kreislauf.  

Entsprechend genervt reagiere ich auf „du hast es gut, das würde ich auch gern machen können, aber“.

  1. Ich könnte es nicht, wäre Steffen nicht gestorben. Diesen Preis musste ich für die Reise zahlen
  2. Wenn es so ein großer Wunsch ist, dann versuche ihn irgendwie zu erfüllen, das Leben ist zu kurz für „hätte ich doch“

Ok, zurück zur Realität, zurück zu meiner Fahrt nach Bologna. Nach ca. 40 Minuten mit dem Rad bin ich schon an meinem heutigen Startpunkt. Ich bin mal wieder in der

Anatomie von Bologna

Collection of Anatomical Waxes „Luigi Cattaneo“

Auf dem Universitätsgelände von Bologna im Haus für Anatomie befindet sich diese Ausstellung im 2. Stock. Diesmal nimmt niemand Anstoß daran, dass ich hier Fotos mache.

Wachsnachbildungen von Krankheiten waren vor ca. 200 Jahren die einzige Möglichkeit, Krankheitsbilder mit anderen Ärzten zu teilen. Da die Universitäten von Bologna mit Padua und Wien zusammenarbeiteten, wurden Wachsnachbildungen im großen Stil gefertigt und untereinander verteilt, damit mehr kluge Köpfe an eventuellen Medikamenten für Krankheiten arbeiten konnten.

Nun sind hier wieder Krankheiten von damals ausgestellt, welche heutzutage schon ausgemerzt sind oder Mangelernährungen, zu denen es heutzutage auch nicht mehr kommt.

Sehr real und plastisch kommen die Nachbildungen daher. Manche sind auch wieder tanninisiert oder anderweitig haltbar gemacht.

Sehr real und plastisch kommen die Nachbildungen daher. Manche sind auch wieder tanninisiert oder anderweitig haltbar gemacht.

Demonstration

Es geht darum, die Krankheitsbilder zu de-monstrieren. Il monstro – das Monströse, das Unfassbare. Das Monströse aus der Erkrankung nehmen. de-monstrieren.

Und das Ganze ist auch schon wieder kostenlos. Die Begründung hierfür ist, dass man den Menschen diese Dinge näherbringen möchte, damit sie ein besseres Verständnis für ihren Körper und dessen Fragilität bekommen. Und auch eine gewisse Achtsamkeit und Dankbarkeit, dass der eigene Körper so gut funktioniert und einen durch dieses Leben trägt.

Ich verliere mich schon wieder in der Zeit, es ist schon wieder Mittag. Das sind die positiven Aspekte des allein Reisens, nicht dass es Steffen nicht interessiert hätte, aber ich kann Stunden in Museen verbringen. Er bekam schnell Rückenschmerzen vom langsam laufen. Außer ich bekomme Hunger, dann ist mir alles egal.

Und das passiert jetzt, also fahre ich mit dem Rad Richtung Zentrum von Bologna.

Ich schlendere mit dem Rad durch die wunderbaren Straßen und an den Schaufenstern vorbei. Überall gibt es Essen und teure Kleidung. Irgendwie hat die Stadt ein lockereres Flair, nicht so posh, nicht so „wir sind was Besseres“ wie Padua und Treviso. Irgendwie ist es hier lockerer.

Mittag

Ich bekomme noch mehr Hunger und schließe mein Fahrrad an den unzähligen Fahrradstellplätzen ab und suche mir eine Trattoria, um etwas zu essen.

Diesmal bestelle ich Tortellini a la Panna mit Schinken. Kommt schließlich von hier, aus Bologna, das Rezept und die Tortellini.

Während ich so sitze, google ich, was ich gleich als nächstes machen werde. Um die Ecke ist ein riesiger Dom, der schließt in 30 Minuten.

Ich exe sofort meinen Weißwein und springe auf.

Basilika di San Petronio

Der Dom ist riesig und von 1300 ca., man darf innen keine Fotos machen, aber ich kann nur sagen, beeindruckend!

Dann gehe ich zum Hinterausgang hinaus und da steht, man kann mit einem Lift oder über eine Treppe aufs Dach, um den Ausblick auf ganz Bologna zu genießen.

Gesagt, getan. 3 EUR investiert und ab gehts. Der Fahrstuhl ist gerade oben, also nehme ich die Treppenstufen… die Tortellini wollen sich verdienen. Oben angekommen, kommt auch der Fahrstuhl mit den restlichen Touristen an. Ist aber auch egal, wegen sowas ärgere ich mich jetzt nicht.

Der Ausblick ist wunderschön und schon entdecke ich von hier oben mein nächstes Ziel, das

Anatomische Theater

Ich investiere weitere 3 EUR und betrete die Hallen. Hier in einem sehr alten und sehr schönen Gebäude befindet sich ein originales Anatomisches Theater, hier wurden für angehende Ärzte Leichen seziert und alle konnten von allen Plätzen des Theaters aus zu sehen und lernen.

Das Gebäude wurde 1944 während eines Bombenangriffs auf Bologna von einer deutschen Bombe getroffen und alles musste aufwändig restauriert werden.

Ich verlasse das Gebäude und sehe in einem angrenzenden Laden Schuhe, die mir echt gefallen, für viel Geld. Glücklicherweise hat der Laden geschlossen. Diesen Moment kannte ich nämlich noch nicht, shoppen ist für mich eher Zweck statt Freude. Etwas sehen und kaufen zu müssen, für mich? Unvorstellbar.

Weiter gehts, jetzt möchte ich Kunst.

Auf dem Plaza mit der Fontana del Nettuno ist eine riesige Wand mit kleinen Keramikbildern von Partisanen aus Bologna und Umgebung, die im Kampf gegen den Faschismus ermordet wurden.

Langsam dämmert es mir. Bologna ist eher links, Bildung ist kostenlos bzw. bezahlbar und die Stimmung ist deswegen eher offen und locker.

Mir gefällt Bologna bis jetzt am besten.

Natürlich gehe ich jetzt noch in die Collezioni Comunali D´Arte. Dann reicht es aber langsam.

Eine Kirche gibt es auch noch unterwegs. Die Kirche der Santa Maria della Vita. Ich gehe rein. Ein Kassenhäuschen in der Kirche. Ich kann aber nicht herausfinden warum. Aber ich bin auch neugierig. Vielleicht gibt es eine alte Gruft?

4 EUR – Ka-tching. Und ich gehe dort hin, wo der Gegenwert meiner 4 EUR steht. Eine Szenerie aus Terakotta, von dem Moment, wo Jesus aufgefunden wurde. Ist natürlich beeindruckend, aber sorry, nicht 4 EUR wert, was ich gerade alles für nur 3 EUR geboten bekommen habe … Da haben wir es wieder live erlebt. Kirche vs. rotes Bologna.

Gut, das reicht jetzt also wirklich, ich fahre wieder zurück. Dabei stoppe ich bei diesem wunderschönen Park, dem Giardini Margherita. Man kann den Herbst schon erahnen. Es riecht nach Pappellaub und die Blätter fangen sich an zu färben. Aber es sind noch wunderbare 25 Grad. Also gönne ich mir ein Glas Weißwein und genieße die Szenerie, genieße Bologna.

Schöne Menschen gehen spazieren in einer schönen, normalen Welt. Auch schön.

Dann fahre ich zurück, verfahre mich, finde einen beschaulichen Weg durch einen Park am Fluss entlang und komme zuhause an.

Niemand ist da, die Tür ist zu. Auch gut.

Schnell ist das Rad wieder im Auto verstaut, die Flasche Rotwein wird gezückt und dann gibt es einen Sundowner für mich. Irgendwann kommt jemand und lässt mich rein und ich kann endlich duschen.

Da wirklich kein Restaurant in der Nähe geöffnet hat oder einfach zu weit weg ist, das Essen hier lecker war, gehe ich wieder einfach die Treppe nach unten und lasse mich überraschen.

Heute werde ich sehr gut schlafen!

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