Der letzte Beitrag meines Italien-Roadtrips führt mich im Herbst an den Comer See nach Tolmezzo. Diese Schönheit hier ist überwältigend. 

Nach meiner Fahrt über die Apenninen bin ich schon gestern am Comer See angekommen. Ich hatte gar keine Ahnung, was mich hier erwarten würde und ich habe mich ehrlich gesagt nicht wirklich darum gekümmert.

Bis dahin habe ich allen auf die Frage nach der letzten Station meiner Reiseroute geantwortet: irgendein See nördlich von Mailand. Ich dummes arrogantes Ding. Nicht irgendein See, der Comer See!

Note to myself: sei nicht so scheiße uninteressiert, wenn es um die Alpen geht. Die ganze Welt ist schön, wenn man sie mit neugierigen Augen betrachtet. Du beschäftigst dich doch nicht umsonst mit Achtsamkeit und Buddhismus, und scheiterst dann gerade mal wieder hart. Menno. Unreflektiertes Ding.

Also muss ich wohl noch mit mir klären, was mein Problem mit den Alpen ist und lasse mich daher heute von der wunderschönen Realität eines Besseren belehren:

Der Morgen

Ich wusste ja schon, dass es heute bewölkt und regnerisch ist. Erst war ich deswegen etwas enttäuscht. Sollte ich heute keine schönen Fotos machen dürfen?

Die ganze Zeit scheint vier Wochen lang die Sonne, warum denn heute nicht? Morgen, pünktlich zur Weiterreise wird sie wieder herauskommen. Natürlich. Wenn ich die Alpen durchquere. Die ich aus irgendwelchen Gründen nicht mag. Aber der Steffengeist zieht mir schon noch den Alpenzahn. Und eigentlich ist es auch gut so, denn wenn es hier regnet, schneit es in den Alpen. Und wenn Schnee in den Alpen liegt, möchte ich nicht dort Auto fahren. Also zurück zum heutigen Morgen am Comer See.

Pünktlich um 8 bin ich munter. Der Geruch von frischen Croissants und irgendetwas Leckerem und Buttrigem mit Schokolade zieht warm in meine Nase. In meinem riesigen Bett habe ich wunderbar geschlafen und als ich zum Fenster gehe bin ich positiv überrascht. Denn draußen ist es zwar grau und wolkig, regnet aber nicht. Früher, in einer anderen Welt hätten Steffen und ich gesagt: Wanderwetter.

Frühstück

Also ziehe ich mich fix an und gehe zum Frühstück. Das Frühstücksbuffet ist wieder super, diverse Müslidinge, frisches Obst, Platten mit italienischem Aufschnitt und Käse, diverse Brötchen und Toast, Saft, Joghurt und frische Croissants mit und ohne Pfirsichfüllung.

Dazu bringt mir der nette Hotelinhaber einen bzw. zwei (!) Espressi doppio con latte caldo und ich haue mir den Magen voll. Die Croissants mit Pfirsichfüllung sind der absolute Knaller. Völlig unvernünftig gönne ich mir drei (!) Stück.

So bin ich jetzt fit für den heutigen Tag, der Kaffee schallert ordentlich.

Das Google hat mir verraten, dass es gleich um die Ecke eine Villa mit botanischem Garten gibt. Da ich nach der gestrigen Tour noch etwas durch bin und keine Lust habe, Auto zu fahren, klingt das nach einer Idee für heute. Wenn ich noch einmal hierherkommen sollte, muss ich unbedingt Mailand besuchen. Oder anders ausgedrückt: ich muss dieser Gegend noch einmal ein paar mehr Tage widmen!

Morgendlicher Spaziergang

Also ziehe ich mir meine Kapuzenjacke und die Docs an und stapfe los.

Die Luft ist herbstlich klar und riecht leicht nach den Laubfeuern in den Gärten. Der Herbst umhüllt mich wohlig feuchtgrau nach dem ganzen gleißenden Sommerlicht der letzten Tage. Ich liebe den Herbst, wir haben den Herbst stets geliebt. Es war immer unsere liebste Jahreszeit. Daher freue ich mich auf den Herbst. Jedoch graut es mir aber auch davor, den ersten Herbst ohne Steffen zu erleben und zu überleben.

Es hat angenehme 15 Grad, es weht kein Wind, der Comer See liegt wie Blei vor mir. Die Wolken hängen in den Bergen. Schwer schwappen die Wellen an den Strand.

Ich stapfe die Uferpromenade entlang und staune und schaue. Und stolpere über eine Schautafel. Soso, aha. Mussolini wurde hier erschossen. Hier in diesem Ort. Verrückt. Mit welcher Treffsicherheit ich jedes Mal an solche Orte gerate! Aber zu Mussolini später, denn ich sehe, hierfür gibt es auch ein Museum, das werde ich dann morgen bei der Abfahrt besichtigen – hierzu komme ich also am Ende dieses Blogeintrages.

Ich kaufe ein paar Postkarten, da es in dem Ort eine Post gibt, die sogar noch geöffnet hat. Also komme ich endlich dazu, die überfälligen Karten zu versenden.

Weiter geht es am traumhaften Ufer des Comer Sees entlang. Links von mir die etwas dicht befahrene Straße, rechts der See. Eine atemberaubende Villa reiht sich an das nächste mondäne Hotel aus der Jahrhundertwende.

Links befindet sich das Grand Hotel von Tremezzo mit einem traumhaften Badebereich am See. Dies ist definitiv eine andere jedoch durchaus wundervolle Welt. 

Villa Carlotta

Ach. Ich werde alt, ich fange an botanische Gärten zu lieben. Vielleicht auch deswegen, da die Gärten kein hippes und schickes Publikum anziehen, sondern eher Rentner, nerdige Fotografen und Chinesen. Das ist meine Wohlfühlumgebung. 

Der Eintritt von 10 EUR ist vertretbar für 95 Minuten Aufenthalt die ich mal eben auf drei Stunden ausdehne. Zeit vertrödeln kann ich.

Vorteile des allein Reisens

Das sind wahrlich aktuell die einzig positiven Aspekte am allein sein und allein reisen: man kann stundenlang auf Bilder und Pflanzen glotzen und niemand trampelt gelangweilt herum und will weiter. Und genauso muss ich auch auf niemanden warten. Was ich oft höre ist, dass der Austausch fehlt, dass man das soeben Gesehene nicht direkt besprechen kann oder dem anderen nicht zeigen kann, was man schön findet. Aber wenn man ehrlich ist, man selbst ist ja immer nur richtig doll begeistert, selten geht es dem anderen genauso. Der andere wird Verständnis zeigen und in Zukunft wissen, was man gut findet. Aber die wahre pure Begeisterung findet man nur in und mit sich selbst.

Die Villa Carlotta birgt auch schon wieder eine tragische Geschichte von Aufstieg und Fall, Sieg und Niederlage:

Giovanni Battista Sommariva

Dieser war eine Zeit lang Berater Napoleons und fiel jedoch durch Ränkeschmiederei in Ungnade und wurde nicht in den gewünschten Posten, auf den er jahrelang hingearbeitet hat, befördert sondern abgesetzt. Und zu all dem Schmach bekam sein Erzfeind den ersehnten Posten.

So kaufte sich Sommariva desillusioniert und tief enttäuscht die Villa Carlotta. Um irgendwie noch einen Sinn und Relevanz in seinem Leben zu finden, kaufte er Gemälde und Statuen, förderte aufstrebende Künstler, um sich selbst wenigstens als Mäzen einen Ruf zu machen und irgendwie für die Nachwelt namentlich erhalten zu bleiben. Aber den Rest seines Lebens litt er unter der vertanen Chance, im weltweiten politischen Ränkespiel bedeutsam zu sein. Dies spiegelte sich in allen gesammelten Kunstwerken wider, die allesamt die Enttäuschung, den Verlust der Liebe der Götter oder ähnliches als Thema hatten.

Und als wäre das nicht schon Pein genug, kaufte sich sein Widersacher, der seinen Posten unter Napoleon erhielt, eine noch größere und protzigere Villa genau gegenüber seiner Villa Carlotta am Ufer des Comer Sees. Quasi als lebendig gewordener Stachel im schmerzenden waidwunden Fleisch.

Menschen sind manchmal scheiße.

Aber, zurück zum jetzt, langsam bekomme ich Hunger, also muss ich die Villa verlassen.

Mittag

Unterhalb der Villa gibt es eine kleine Kapelle mit der Gruft von jemand wichtigem und daneben einen kleinen Imbiss, welcher mir schon auf dem Hinweg aufgefallen ist. Hier gibt es Paninis und Espresso. Was will man mehr?

Zuerst bestell ich mir ein Panino mit Prosciutto und Käse. Das wird für mich extra knusprig aufgebacken, der Käse zerläuft wunderbar.

Mit meinem „Fang“ gehe ich gegenüber ans Ufer und setze mich auf die Bank unter dem großen Baum mit dem unglaublichen Blick über den See. Es hat gerade angefangen zu nieseln, aber der Baum schützt mich.Ich sauge die Stimmung auf, da dies leider mein letzter Tag in Italien ist. Ich bin schon sehr wehmütig.

Danke für Eure Spenden!!!

Das war das Beste, was mir seit Steffens Tod widerfahren ist, was mir nur durch Eure unglaubliche Spendenaktion ermöglicht wurde. Ich bin so dankbar dafür, das könnt Ihr Euch gar nicht vorstellen! Ich habe mehr zu mir gefunden und ich hoffe, ich kann das Gefühl aufrechterhalten und konnte Euch ein bisschen mit den Geschichten zurück geben.

Nach dem Panini hole ich mir noch einen Cappuccino und gehe zurück zum Hotel und schreibe am Blog weiter.

Abendessen

Abends frage ich die Inhaberin, ob sie mir irgendein Restaurant empfehlen kann, nachdem es gestern Abend eher „meh“ war. Ich möchte gern noch einmal gut in Italien essen. Ich werfe noch mal mein Ass in den Raum „I´m a chef“. Oh, dieser Satz wirkt wunder und schon empfiehlt sie mir dieses Restaurant:

Antica Trattoria del Risorgimento

Aber ich soll nicht zu Fuß hin gehen, die Straßen sind zu eng. Aber das Restaurant ist nur ein Kilometer entfernt, natürlich laufe ich zu Fuß. Da die Restaurants alle erst 19:00 Uhr öffnen, wird es natürlich schon dunkel und ja, die Straßen sind sehr eng und man muss die ganze Zeit aufpassen, dass einem keiner in den Arsch fährt. Sehr gut ist auch, dass alle meine Klamotten schwarz sind. Aber, welch Wunder, natürlich überlebe ich auch das.

Auf dem Weg zur Trattoria gehe sehe ich wieder unzählige dramatisch beleuchtete Villen, die im abendlichen Herbstwettter recht dramatisch daher kommen. Hier könnte ihr Horrorfilm spielen ->

Angekommen befindet sich die Trattoria in einer kleinen dunklen Seitengasse. Komplett unscheinbar.

Drinnen ist es wohlig warm, fast alle Tische sind reserviert, und das an einem Donnerstagabend! Aber für die einsame Witwe (mich) ist noch Platz.

Die Gastgeberin und nach Angabe der Hotelinhaberin die Frau des dortigen Kochs geht komplett in ihrer Gastgeberrolle auf. Ich bekomme einen schönen Platz, einen feinen Rotwein und einen Brotkorb mit einem unglaublich guten Olivenöl, welches sie persönlich ausgewählt hat. Das Essen ist unfassbar gut:

Fünferlei von der Forelle in der Antica Trattoria del Risorgimento

Steinpilzrisotto in der Antica Trattoria del Risorgimento

Glücklich schleppe ich meinen vollgefressenen Bauch zurück zum Hotel. Die Trefferrate sollte jetzt eigentlich höher sein, aber auch den Rückweg überlebe ich und keiner überfährt mich. Und wie ich so darüber nachdenke, fällt mir auf:

Es ist praktischer, auf dem Rückweg als auf dem Hinweg überfahren zu werden, da man da wenigstens noch was Feines vorher gegessen hat. Hihi, makaber kann ich.

Nächster Morgen

Ein weiteres wunderbares Frühstück erwartet mich. Ich fresse mich wieder voll, packe meinen Kram und spurte mich. Denn 10:00 Uhr öffnet das Museum in Dongo und ich muss ja heut noch über die Alpen.

Das unrühmliche Ende Mussolinis

Museo della Fine della Guerra Dongo – Museum zum Kriegsende in Dongo

Ich möchte mir das Ende vom ollen Mussolini noch mal genauer besehen, wenn ich mich schon an so einem geschichtsträchtigen Ort befinde.

Die politische Lage zum Kriegsende am Comer See war ein Pulverfass:

Bandiera Rossa

In der hiesigen Stahlfabrik in Dongo waren die Partisanen der Bandiera Rossa stark vernetzt und unterstützten auch während des ganzen Krieges Menschen, die vor den Nazis in die Schweiz flüchten wollten. Die Grenze zur Schweiz selbst war nur noch 4 km entfernt und über diverse Bergpässe zu erreichen, wenn man den Weg kannte. Die Wahrscheinlichkeit war hoch, mit der richtigen Hilfe die Grenzen der rettenden Schweiz zu erreichen.

Als Kind hatte ich das Buch „Mädchenjahre“ von Marianne Lange-Weinert, der Tochter von Erich Weinert, verschlungen und weiß noch, wie mir das Wasser bei ihrer Beschreibung der Schweizer Schokolade im Munde zusammenlief. Es war ein Buch, welches ich immer wieder gelesen hatte, da mit jedem Alter andere Aspekte des Buches für mich relevant wurden. Und jetzt stehe ich hier, an einer Stelle, wo viele Flüchtlinge der Nazis Hilfe suchten.

Zum Kriegsende waren die Partisanen am Comer See die stärkste Macht.

Parallel versuchten deutsche Soldaten und italienische Faschisten vor den vorrückenden britischen und amerikanischen Soldaten zu flüchten. Hinzu kamen noch die Bewohner von Mailand, die vor den Bombardements der Stadt durch die Allierten flüchteten.

Die Nahrungsmittel wurden knapp und die Schmuggeleien hatten Hochkonjunktur.

Mussolinis Flucht

Mussolini versuchte unter dem Schutz einer deutschen Einheit ebenfalls vor den Alliierten zu flüchten.

Partisanen hatten zwischen Musso und Dongo eine Straßensperre errichtet und wunderten sich am 27.04.1945 über die vielen Waffen, die die deutsche Einheit mit sich führte. Sie beschlossen, die LKWs genauer zu betrachten.

Auf einmal fiel ihnen auf, dass in den hinteren Wagen Unruhe aufkam. Truhen wurden umgeladen. Also kletterte man noch mal auf den betroffenen Wagen und stellte fest, dass ein Flakkanonier eine Hose mit goldenen Tressen anhatte. Dies sorgte für Verwunderung und auf dem zweiten Blick erkannte man den Duce, der durch sein Magengeschwür ziemlich abgenommen hatte und kaum noch als der stattliche Führer zu erkennen war. Er hatte sich als Tarnung die Uniformjacke und die Kopfbedeckung eines Soldaten angezogen und saß ganz versteckt in einer Ecke des LKWs.

Was war geschehen? Die deutschen Soldaten hatten verhandelt, dass sie ohne weiteres die Straßensperre passieren durften. Nur war Mussolini so verhasst, dass er ein Risiko für die Deutschen darstellte und man schnell seine Sachen in seinen LKW umludt. So kam es zu der Unruhe.

Villa Belmonte – Der Tod Mussolinis

So ließ man Mussolini und seine Geliebte in die Villa Belmonte (200 m von meinem abendlichen Restaurant entfernt! – hätte ich das gewusst) zur Vernehmung bringen.

Nun gibt es zwei alternative Enden:

Variante 1

Mussolini wurde vernommen und zusammen mit Clara Petacci am Nachmittag des 28.04.1945 vor der Villa Belmonte erschossen.

Variante 2

Mussolini wurde am Vormittag während des Verhörs erschossen. Danach wurde seine Geliebte mehrfach vergewaltigt und danach erschossen. Die Leichen wurden dann am Nachmittag vor dem Tor der Villa Belmonte so drapiert, dass es wie eine Hinrichtung aussah.

Die Truhen des Duce

Die Truhen mit Geheimunterlagen und dem Vermögen der „Republik von Saló“, Mussolinis zuletzt gegründetes Staatsprojekt, die sich wohl ebenfalls auf dem LKW befanden, waren später leer und lediglich eine Truhe wird noch in dem Museum ausgestellt.

Der Inhalt sowie die restlichen Truhen sind seitdem verschollen.

Die Leichen von Mussolini und seiner Geliebten wurden dann nach Mailand gefahren und dort der tobenden Menge zur Schau gestellt und dann an den Füßen an einer Tankstelle aufgehängt. Die Bilder sind bekannt und kann man googlen.

Nun, genug Geschichte.

Jetzt

Gegen Mittag verlasse ich über die Schweiz nun leider Italien.

Ich werde wiederkommen!

Die Grenze, die früher so schwer zu überwinden war, ist glücklicherweise heutzutage für mich kein Hindernis mehr. Dafür bin ich sehr dankbar.

Rechts von mir der atemberaubend schöne Silser See