Costa Rei

Es ist alles so unbeschreiblich schön hier. Wie immer. Wie in jedem Jahr in den letzten 4 Jahren. Doch ich wusste, dass dieser Tag kommen würde und das dieser Tag furchtbar werden würde, an der Costa Rei, dem Ziel dieses Roadtrips.

In unserem Urlaubsort angekommen, bin ich total desorientiert. Ich weiß nicht, wo ich am besten zuerst hin fahre, denn in mein Hotelzimmer kann ich erst in zwei Stunden und die Erinnerungswelle schlägt bereits jetzt unbeschreiblich hart über mir zusammen.

St. Elmo

So fahre ich erst einmal zu unserer Traumbucht des ersten und zweiten Sardinienurlaubs, dort hin, wo wir so glücklich waren, dorthin, wo wir uns in diese Insel unsterblich verliebt haben.

Steffen mit meinen Sandalen
Steffen am Strand von St. Elmo in Castiadas

Der Strand sieht dieses Jahr jedoch mitgenommen aus, denn dort wo sonst feiner weißer Sand lag, liegen jetzt Berge von aufgetürmtem Neptungras. An der Stelle, wo du stundenlang verträumt und glücklich in dich versunken Türme aus Kieselsteinen gebaut hast, sind jetzt Sand und Menschen. Alles ist im Wandel, ständig.

Abschied

Also gehe ich zu den Felsen, dorthin, wo wir genau vor einem Jahr von der Insel Abschied genommen haben. Wir haben gesagt: bis nächstes Jahr.

Stürmisch graue Costa Rei in 2018
2018

Ich suche nun eine Stelle um deiner zu gedenken. Ich atme tief ein und weine furchtbar. Ein schöner Ort für dich.

St. Elmo Beach
Der Strand von St. Elmo in Castiadas

Nicht mehr 2018

Ich fahre weiter. Zu dem Haus in Costa Rei, dorthin, wo wir letztes Jahr waren.

Kein schwarzer Jeep parkt vor der Tür. Ich gehe weiter zu unserem Haus. Eine fremde Frau betritt gerade die Tür. Du liegst nicht auf der Liege und liest die Kinozeitschrift.

Mein albernes Herz hat aus unerfindlichen Gründen geglaubt, du wärst hier, in unserem Paradies an der Costa Rei. Ich habe geglaubt, ich fahre einfach ins Paradies und dann finde ich dich dort.

Aber du bist nicht da. Du bist fort. Oh tut das weh.

Ein neues schlimmes Level des Begreifens ist erreicht.

Es ist mein dritter Abschied von dir.

Und keine Katze. Nirgends ist eine Katze zu sehen.

Früher waren hier immer Katzen. Ich habe immer gesagt: Sardinien und Katzen, das ist eins.

Meine Liebe(n)

Letztes Jahr konnte ich die kleinen Katzen nicht lieb haben und streicheln. Ich hatte so eine Angst, mich zu binden, zu lieben. Zu groß war die Angst, etwas zu verlieren, was ich liebe.

Dich zu verlieren. Die größte Angst, war es, das zu verlieren, was ich mehr liebe, als mich selbst. Dich.

Und jetzt ist es passiert. Du bist tot.

Und hier wird es geradezu kathartisch spürbar.

Und mit deiner Abwesenheit sind auch keine Katzen hier. Nirgends ist eine Katze!

Ich bin komplett verloren

Aber ich kann erst in einer Stunde in mein Zimmer. Sinnlos fahre ich mit dem Auto durch die Gegend. An der Stelle vorbei, wo du immer sagtest: „oh schau, wie unglaublich schön das hier alles ist!“ und ja, es ist immer noch so unglaublich schön. Die Sonne strahlt so stark, daß es weh tut.

Ich will mich verkriechen. In einer Höhle. Ich halte es kaum aus.

Aber mein Herz krampft. Die frischen Narben platzen auf. Das Herzblut läuft und meine Tränen.

Ich muss anhalten und heulen.

Das Paradies wird zur Hölle

Costa Rei war unser Paradies und nun ist es meine persönliche Hölle. So wie das Pendel ins Glück ausschlug, schlägt das Pendel furchtbar schmerzhaft in die andere Richtung.

Irgendwann ist die Zeit endlich um und ich kann in meinen Bungalow. Er ist wie jeder Bungalow hier und wie immer mit Küche.

Nur ohne dich und ohne Katzen.

Abendessen

Ich kaufe nun ein, da ich jetzt weiß, daß ich hier kochen kann, denn es ist klar, daß ich hier nicht an unseren Orten, wo wir immer zusammen waren, allein essen gehen kann. Das schaffe ich nicht.

Ich kaufe Tonnen von Pasta. Seelenfutter.

Zurück am Haus gehe ich baden. Allein.

Da sind Sportler und glückliche Menschen am Strand. Das ertrage ich nicht.

Ich gehe nach Hause und koche mir eine riesige Portion Nudeln.

Frustessen
Spaghetti mit Salami

Die Sonne geht unter und der Mond geht auf. Selbst der Mond kann mich heute nicht trösten. Also gehe ich schlafen.

Der nächste Morgen

Ich wache 7:00 von alleine auf und öffne die Tür. Die Sonne ist noch nicht da.

Schnell ziehe ich meinen Badeanzug an und gehe zum Meer. Ich möchte schwimmen gehen, bevor die Menschen kommen. Allein. Im Meer. Wie an jedem Morgen, damals vor einem Jahr. Wo du mich immer begleitet hast und mit deinem bibbernden und geschundenen Körper am Strand standest und auf mich gewartet hast und gelacht.

Die Sonne ist noch nicht da, die Wellen sind hoch und es ist recht frisch. Und hier sind Felsen im Meer, das ist mir zu riskant um einfach so ins Wasser zu rennen.

before sunrise
Kurz vor dem Sonnenaufgang

Die Sonne geht auf. Ich beobachte dieses erhabene Schauspiel. Trotzdem es jeden Tag passiert, lässt es einen stets innehalten.

sunrise costa rei
Sonnenaufgang an der Costa Rei

Weisheiten

Der Sonnenaufgang ist dasselbe, wie ein Sonnenuntergang. Es ist wie Geburt und Tod. Die Sonne ist immer da, auch auf der anderen Seite, die wir gerade nicht sehen. So wie du.

Aber

Durchfroren gehe ich zurück und dusche. So wie an jedem Morgen, damals.

Aber du bist nicht da, wie im letzten Jahr.

Du kocht keinen Kaffee und machst auch nicht das Frühstück, um mir irgend etwas zurück zu geben, in unserem Urlaub von der stressigen Selbstständigkeit, die ich gerade ganz allein wuppen musste.

Du sagst nicht „gut siehst du aus, Schnubbi“.

Du bist nicht da.

Ich kann heute nicht unter Menschen.

Ich kann nicht mehr an die Costa Rei.

Allein an der Costa Rei