Es ist alles so unbeschreiblich schön hier an der Costa Rei. Wie immer. Deswegen fuhren wir jedes Jahr hierhin, seit 2015, seit unserer offiziellen Hochzeitsreise. Doch ich wusste, dass dieser Tag auf dieser Reise an die Costa Rei, dem südlichsten Ziel dieses Roadtrips, kommen würde.

In unserem Urlaubsort angekommen, bin ich total desorientiert. Ich weiß nicht, wo ich zuerst hin fahren soll, denn in mein Hotelzimmer kann ich erst in zwei Stunden einchecken und die Erinnerungswelle schlägt bereits jetzt unbeschreiblich hart über mir zusammen.

Einkaufen kann ich noch nicht, da ich nicht weiß, ob ich einen Küchenteil habe.

St. Elmo

So fahre ich als erstes zu unserer Traumbucht des ersten und zweiten Sardinienurlaubs, dorthin, wo wir so glücklich waren, dorthin, wo wir uns in diese Insel unsterblich verliebt haben.

Der Strand, der zu dieser Anlage gehört, sieht dieses Jahr jedoch mitgenommen aus, denn dort wo sonst feiner weißer Sand lag, liegen jetzt Berge von aufgetürmtem Neptungras.

An der Stelle, wo du stundenlang verträumt und glücklich in dich versunken Türme aus Kieselsteinen gebaut hast, sind jetzt Sand und Menschen. Alles ist im Wandel, ständig.

Ich fühl mich so unfassbar allein hier ohne dich. Es fühlt sich so falsch an, so leer.

Abschied

Also gehe ich zu den Felsen, dorthin, wo wir genau vor einem Jahr von der Insel Abschied von der Insel genommen haben. Wir haben gesagt: bis nächstes Jahr.

Ich suche nun eine Stelle um deiner zu gedenken und von dir Abschied zu nehmen. Ich atme tief ein und weine furchtbar. Ein schöner Ort für dich.

Du 2018, heute genau vor einem Jahr. Mit deiner Kamera in der Hand auf der Suche nach dem schönsten Fotomotiv

Selber Tag, selbe Stelle. 2019. ohne dich

Nicht mehr 2018

Ich fahre weiter. Zu dem Ferienhaus in Costa Rei, dorthin, wo wir im letzten Jahr waren. Wo wir das letzte mal gemeinsam waren.

Kein schwarzer Jeep parkt vor der Tür. Ich gehe weiter zu unserem Haus. Eine fremde Frau betritt gerade die Tür. Du liegst nicht auf der Liege und liest die Kinozeitschrift.

Und du liegst nicht auf der Liege!

Mein albernes Herz hat aus unerfindlichen Gründen geglaubt, du wärst hier, in unserem Paradies an der Costa Rei. Ich habe geglaubt, ich fahre einfach ins Paradies und dann finde ich dich dort. Man sagt doch, dass gute Menschen ins Paradies kommen, wenn sie gestorben sind. 

Aber du bist nicht da. Du bist nicht hier. Du bist fort. Du bist für immer fort! Oh tut das weh.

Ein neues schlimmes Level des Begreifens ist erreicht. Es ist mein dritter Abschied bisher von dir.

Und keine Katze. Nirgends ist eine Katze zu sehen. Letzes Jahr waren hier Katzen. Sogar eine ganze Katzenfamilie. Du hast mit den Katzen geschmust. Ich hoffte heute, eine Katze vom letzten Jahr zu sehen, dann hätte ich ihr vielleicht erklären können, warum du nicht mit mir hier bist. Warum du tot bist.

Letztes Jahr konnte ich die kleinen Katzen nicht lieb haben und streicheln. Ich hatte so eine Angst, mich zu binden, zu lieben.

Zu groß war die Angst, etwas zu verlieren, was ich liebe. Dich zu verlieren. Die größte Angst, war es, das zu verlieren, was ich mehr liebe, als mich selbst. Dich.

Und jetzt ist es passiert. Du bist tot.

Und hier an der Costa Rei wird es geradezu kathartisch spürbar.

Und mit deiner Abwesenheit sind auch keine Katzen hier in diesem Ort.

Nirgends ist eine Katze!

Ich bin komplett verloren

Immer noch eine Stunde Zeit, bis ich in mein Zimmer kann. Sinnlos fahre ich mit dem Auto durch die Gegend.

Ich fahre an der Stelle vorbei, wo du immer sagtest: „oh schau, wie unglaublich schön das hier alles ist!“ und ja, es ist immer noch so unglaublich schön. Die Sonne strahlt so stark, daß es weh tut. Es duftet schwer nach trockenem Gras und Meer. Nach Urlaub.

Ich will mich verkriechen. In einer Höhle. Ich halte es kaum aus.

Aber mein Herz krampft. Die frischen Narben platzen auf. Das Herzblut läuft und meine Tränen.

Ich muss anhalten und heulen.

Das Paradies wird zur Hölle

Costa Rei war unser Paradies gewesen und nun ist es meine persönliche Hölle geworden. So wie das Pendel ins Glück ausschlug, schlägt das Pendel furchtbar schmerzhaft in die andere Richtung.

Irgendwann ist die Zeit endlich um und ich kann in meinen Bungalow. Er ist wie jeder Bungalow hier und wie immer mit Küche.

Nur ohne dich und ohne Katzen.

2017 – du warst gesund und wir so unfassbar glücklich

Abendessen

Ich kaufe nun ein, da ich jetzt weiß, daß ich hier kochen kann, denn es ist klar, daß ich hier nicht an unseren Orten, wo wir immer zusammen waren, allein essen gehen kann. Das schaffe ich nicht. Ich kaufe daher Tonnen von Pasta, Salami und Parmesan. Seelenfutter.

Zurück am Haus gehe ich baden. Allein. Doch da sind Sportler und glückliche Menschen am Strand. Das ertrage ich gerade überhaupt nicht.

Ich gehe traurig allein nach Hause und bereite mir eine riesige Portion Nudeln zu. Mit Rotwein.

Die Sonne geht unter und der Mond geht auf. Selbst der Mond kann mich heute nicht trösten. Also gehe ich schlafen.

Der nächste Morgen

Ich wache 7:00 von alleine auf und öffne die Tür. Die Sonne ist noch nicht da.

Schnell ziehe ich meinen Badeanzug an und eile zum Meer. Ich möchte schwimmen gehen, bevor die Menschen kommen. Allein. Im Meer. Wie an jedem Morgen, damals vor einem Jahr. Wo du mich immer begleitet hast und mit deinem bibbernden und geschundenen Körper am Strand standest und auf mich gewartet hast und gelacht.

Die Sonne ist noch nicht da, die Wellen sind hoch und es ist recht frisch. Und hier sind Felsen im Meer, das ist mir zu riskant um einfach so ins Wasser zu rennen.

Die Sonne geht auf. Ich beobachte dieses erhabene Schauspiel. Trotzdem es jeden Tag passiert, lässt es einen stets innehalten.

Weisheiten

Der Sonnenaufgang ist dasselbe, wie ein Sonnenuntergang. Es ist wie Geburt und Tod. Die Sonne ist immer da, auch auf der anderen Seite, die wir gerade nicht sehen. So wie du.

Durchfroren gehe ich zurück und dusche. So wie an jedem Morgen, damals vor einem Jahr. 

Aber

du bist nicht da, wie im letzten Jahr.

Weder kochst du einen Kaffee für mich oder du machst das Frühstück, um mir irgend etwas zurück zu geben, in unserem Urlaub von der stressigen Selbstständigkeit, die ich gerade ganz allein wuppen musste.

Noch sagst du „gut siehst du aus, Schnubbi“.

Du bist nicht da.

Ich kann heute nicht unter Menschen und verkrieche mich bei Sonnenschein in dem kleinen Bungalow.

Morgen wird es besser sein.