Wir halten uns an gewohnten Dingen fest. Wir können so schwer loslassen und die ungewisse Zukunft macht uns große Angst. Die derzeitige Situation mit Corona und Wirtschaftskrise vergrößert diese Ängste immens.

Ich stehe im Schlafzimmer und da fällt mir dieses Parfüm von Steffen in die Hand. Sanft umschließe ich es mit meinen Händen. Wie wichtig Steffen doch immer Parfüm war. Die meiste Zeit am Flughafen verbrachten wir stets in der Parfümerie. Und so halte ich nun Steffens Parfüm fest.

Wie hat es nochmal gerochen, wie hat Steffen gerochen?

Ich versprühe einen Hauch in die Luft. Genau in die Höhe, wo Steffens Hals war. So groß war dieser Mensch. So hat er gerochen, wenn er am Wochenende morgens zu mir nach Hause kam, weil jeder den Vortag mit sich allein verbracht hat. Unsere Hobbies waren so vielfältig und die Zeit war so knapp. Und somit war das gegenseitigen Schenken von Zeit die größten Geschenke für uns: Zeit.

Und da stehe ich nun, ganz allein in meinem Schlafzimmer und habe eine kleine Ahnung, wie groß Steffen war und wie er geduftet hat. Ein Schmerz bohrt durch mein Herz. Der Schmerz, der mich schon ein Jahr begleitet. Doch der Geruch ist nur ein Klischee, es ist nicht das Ganze. Der Geruch ist nur noch ein Speichermedium für ein idealisiertes Bild von Steffen. Steffen der keine Widerworte sagt, über die ich mich aufregen könnte. So halten wir uns für immer an einem Klischee fest. Die Widerworte verblassen.

Die Erinnerung legt über alles Vergangene einen feinen glitzernden Zuckerstaub, welchen höchstens Traumata vermögen zu durchbrechen.

Warum macht Festhalten keinen Sinn?

Und ich realisiere, dass die Vergangenheit unwiederbringlich vorbei ist. Wir können sie nicht festhalten. Steffen ist vorbei, Steffen ist tot. Diese Beziehung ist vorbei und meine alte Welt ist vorbei. Mein altes Leben ist vorbei. Ich weiß, dass wir beide etwas Einmaliges hatten, aber es ist vorbei.

Alle Erinnerungen sind ein Traum, sie verschwimmen nach und nach und durch das ständige darüber Nachdenken, werden die Erinnerungen immer wieder erneuert und damit idealisiert überschrieben – außer die schlimmen Sachen.

Ich bin so froh, dass ich diesen Blog, welcher ja gleichzeitig auch ein Logbuch des Schreckens wurde, geschrieben habe, denn manche Ereignisse vermenge ich schon in meinen persönlichen Rückblicken, andere Erinnerungen verschwinden teilweise ganz. Und jedesmal, wenn ich den Blog durchlese, denke ich mir so, ach stimmt, so war das.

Alles verschwindet im Gedächtnis langsam und ganz leise irgendwann. Es legt sich ein Schleier über alles, den ich nicht vermag, zu entfernen.

Es ist wie mit dem Traum am morgen danach. Man fühlt noch ein paar Fetzen, worum es ging, spürt eine seltsame Vertrautheit und ein De ja-vu, wenn man sich wieder ins Bett zurück legt. Aber der Traum selbst ist weg, denn auch den Traum kann man nicht festhalten.

Festhalten an der Vergangenheit

Die Buddhisten sagen, was nicht im Jetzt ist, ist ein Traum. Das Davor und das Danach ist ein Traum.

Die Vergangenheit scheint nicht real, weil man sie nicht greifen kann. Die Vergangenheit ist wie ein Traum, eine vage Erinnerung. Ein tiefes emotionales Gefühl von Vertrautheit, Liebe oder auch Angst. Nur kurz zu reaktivieren, durch unsere Sinne. Und einer der wichtigsten Sinne ist diesbezüglich der

Geruchssinn:

Das Treppenhaus mit seinen gekalkten Wänden, welches wie ein Sonntagsbesuch bei Oma riecht, besonders wenn noch irgendjemand Kaffee kocht.

Der warme Geruch von trockenen Wiesen und flirrender Mittagshitze, welcher an sorglose Sommer im Stadtbad erinnert.

Asphalt im Sommer nach einem Regenguss, für immer eingebrannt in meinem Hirn mit meinem ersten Besuch in der Dresdner Neustadt.

Steffens Aftershave und frisch gekochter Espresso und Spiegelei. Der perfekte Sonntagmorgen-Duft.

Alles Erinnerungen, in welche wir so nicht mehr zurückkehren können. Und das ist wahrscheinlich der einzige Unterschied zum Traum im Schlaf. Im Traum kann man nicht riechen. Nur die Realität kann man riechen.

Ja, aber genau so ist das Leben. Und diese Momente im Jetzt, werden die Erinnerungen der Zukunft sein. Wir können nicht zurück, aber wir können festhalten, was jetzt ist und unsere Erinnerungen auf diese Weise verfestigen, denn es ist eine unglaublich spannende Zeit.

Jetzt – das große Unbekannte

Ja ich weiß, ihr habt Angst, gerne wärt Ihr in der Sicherheit der bekannten Vergangenheit. Aber neben der großen existenziellen Angst und der Sorge, wie es denn nur weitergeht, folgt nun hier die furchtbarste, beste, beruhigendste und wahrste Weisheit, die ich im letzten Jahr gelernt habe:

Es geht immer weiter!

Und fühlt einmal in diesen Satz hinein und stell Dir vor, dass er Dir ständig gesagt wird, gerade als Dein Mann gestorben ist „Das Leben geht weiter!“. Ja der Satz ist scheiße, und nein, man kann ihn nicht ertragen, aber er ist bitter und zu wahr.

Es geht immer weiter, denn man stirbt nicht einfach durch pure Willenskraft, weil man es nicht mehr aushält. Das Herz bleibt nicht gnädig stehen. Glaubt mir, denn das hab ich versucht. Das gibt es nur im Film. Wir entscheiden nicht darüber, wann wir sterben.

Man könnte sich natürlich umbringen, aber das ist zu radikal und so erfährt man ja nie, wie es weiter geht.

Denn es ist gerade richtig spannend.

Zukunft

Unsere Welt wird nach dieser Krise nicht mehr so sein oder werden können, wie vorher.

Genauso wie meine Welt.

Ich weiß nicht, was kommen wird. Aber es wird gut werden. Warum ich mir da so sicher bin? Weil wir Menschen so gestrickt sind, immer weiter zu machen und irgendwann, wenn es uns richtig beschissen geht, anfangen, uns an popeligen Kleinigkeiten zu erfreuen.

Aber dafür muss man meist leider erst richtig tief fallen.

Nein, ihr könnt das nicht aufhalten, was jetzt kommen wird, denn ihr könnt die Zeit nicht zurückdrehen oder anhalten.

Tipps um das Festhalten zu lockern

Ich kann nur raten, dass ihr diese Zeit so effektiv wie möglich nutzt, wenn ihr den Moment dafür habt, bzw. nehmt ihn euch einfach. Denn vieles, was man jetzt zwanghaft versucht aufrecht zu erhalten, wird es vielleicht danach gar nicht mehr geben?

Deswegen:

  • riecht diese unglaublich saubere Luft
  • genießt die ersten Frühlingsdüfte nach Erde und Klarheit
  • Führt ein Tagebuch, vielleicht helfen Euch meine Achtsamkeitstagebücher?
  • Hört auf die Vögel, sie zwitschern und piepsen ausgelassener als sonst
  • Der Himmel ist (ohne Wolken) strahlend blau
  • Die Ruhe in der Stadt, wie am Sonntag morgen, jedoch das den ganzen Tag lang
  • seid im Jetzt

Erschafft jetzt eure Erinnerungen der Zukunft!

Ich spüre ganz viel positive Energie und Liebe unter den Menschen, wenn man ihnen auf der Straße genau in die Augen schaut. Sie lächeln mehr. Es gibt überall einen subtilen Zusammenhalt, die Verkäuferinnen scherzen. Alles ist irgenwie lockerer. Obwohl die Menschen in meist ungewollter „Quarantäne“ zuhause hocken, sind alle liebevoller verbunden als zuvor. Das ewige Gekeife auf den sozialen Medien hat nachgelassen. Als würden jetzt alle spüren, wie wunderbar das Leben eigentlich ist.

Was für eine großartige Erkenntnis!

Vielleicht ist es jetzt einfach einmal Zeit, nur zu sein.

Bewusst zu sein.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.