Rehalogbucheintrag, Tag 26800 auf meiner Reise durch das gigantische Universum unendlicher Vielfalt des Durchschnittsmenschens. Wir nähern uns dem Halloween-Quadranten. Oder so.

Genauso wie auf dem Raumschiff Enterprise befindet sich in diesem Reha-Raumschiff der Querschnitt der gesamten deutschen Gesellschaft. Nicht unbedingt ausschließlich die Intelligenz, wie auf der Enterprise, dafür aber die sogenannte breite Masse, das Wahlvieh, die sogenannte „Biomasse“ – wie in diesem wunderbaren Buch beschrieben – welches ich euch wärmstens empfehlen kann, wenn ihr wissen wollt, wo es vielleicht hingehen mag (klickt auf diesen Link für das eBook):

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Wieder weiter geht es mit Geschichten aus der Reha nach „Glotzer“ und „Essen in der Reha“.

Ich bin in diesem Haus hier der einzige Repräsentant von Inner-Berlin. Also alles innerhalb des S-Bahn-Rings. Denn außerhalb liegt schon Bautzen. Überall. Natürlich ändert sich das gerade aufgrund der steigenden Mietpreise und des mangelnden Wohnraums, aber ihr wisst schon im Prinzip, worauf ich hinaus will.

Es gibt einen Grund, warum ich in Berlin, im Epizentrum der Irren

Du bist verrückt mein Kind, Du musst nach Berlin!

Franz von Suppé (1819-95)

lebe. Weil ich es außerhalb dieser Stadt einfach nicht aushalte (außer ich bin im Ausland). Ich ertrage das Leben nicht auf dem Dorf, nicht in irgendeiner Kleinstadt, nicht in einem Häuschen auf dem Land. Und das Schicksal hat mich gerade wieder dort hin zurückgeworfen, wovor ich geflüchtet bin. Ich bin wieder mittendrin und werde jeden Tag daran erinnert, warum ich in Berlin wohne und nicht woanders.

Also beobachte ich hier das Treiben der „Normalen“ mit dem Abstand meines Alters und nicht mehr als das verstörte 16jährige Ding, dass ich einmal war, als ich noch zu diesen Menschen dazugehören wollte und jedes Mal ob meiner Andersartigkeit ausgestoßen wurde.

Mittlerweile habe ich verstanden, dass ich einfach ein ganz besonderer Mensch bin. Einzigartig in meiner Art, wie jeder andere Mensch eben auch. Dies ist eine unglaubliche Erkenntnis. Hat man sie einmal gewonnen, lässt sich diese nie wieder umkehren. Die einen nennen es Eingebildetheit und Arroganz, für mich ist es die späte Rache.

Und so stehe ich hier, inmitten einer lebendig gewordenen Milieustudie und beobachte die Menschlein an

Halloween

Innerlich war ich schon wochenlang vorab aufgeregt: Mein Gott, Halloween in der Klapse und dann ist auch noch Vollmond! Und das Ganze in diesem wahnsinnigen Jahr 2020.

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Kochbuch bei Krebstherapie

Halloween-Vollmond mit Katze. Schwarz und Orange
Photo by Pixabay on Pexels.com

Ich stellte mir also schon weit vor dem Antritt dieser Reise Szenarien á la „Ratched“ vor, nur in die unästhetische aktuelle Realität adaptiert:

Aufgrund der allgemeinen Coronatests sind wir ja hier drinnen vor einer Ansteckung sicher. Theoretisch wäre also eine Halloween-Party möglich gewesen.

Kostüme aus dem klinikinternen Fundus bestehend aus vergessenen Klamotten, sehr schlechte Schlagermusik, Blocksträhnenperücken und komische laute Menschen tanzen mit dem Diskofuchs. „Ihre persönliche Hölle wurde soeben kreiert“. Andere nennen es Fasching.

Mögliche alternative Enden dieses Szenarios:

  • Dana eskaliert mit dem Feuerlöscher, Shining lässt grüßen
  • Wodka pur in das Wasser der Schwimmhalle geben oder
  • den rote Bete Salat aus der Küche stibitzen, in das Wasser schütten und sich verkehrtherum darin treiben lassen
  • Die Ziegen des nahegelegen Ziegengatters durch die Gänge laufen lassen und rufen „der Meister kommt“

Aber wie wir wissen, ist die Realität immer eine andere. Was wirklich geschah:

Was die Reha mit den Menschen macht

Für die meisten hier ist die Zeit in der Rehaklinik wie eine Rückführung in die Schulzeit, denn man muss sich wieder festen Regeln unterordnen:

  • keine physischen Kontakte außerhalb der Klinik
  • kein Alkohol in der Klinik
  • keine Zigaretten im Haus

und parallel ist der ganze Alltag in ein festes Zeitkorsett getaktet: Frühstück um 7, Mittagessen um 12 und Abendbrot um 5. Dazwischen gibt es stundenweise Sport, Therapien und etwas Fango – the great Fandango. Einmal die Woche gibt es auch noch Visite, Chefarzttermin und Psychotherapie. Obwohl ich manchmal denke, die Leute belegen stattdessen den Kurs „Psychopathie“. Und dann gibt es auch noch Vorträge über gesunde Ernährung und Bewegung, die komplett verpufft, denn sofort fallen die Menschen in ihre Antihaltung gegenüber jedweder Autorität zurück.

Es wird das Gegenteil von dem gemacht, was der Doktor sagt. Fette Menschen brüsten sich mit den gefressenen Schnitzeln und den Eisbechern in der Cafeteria. Und auf der Raucherinsel stehen dicke Menschen, deren Beine sich im Sport nicht mehr bewegen lassen und abenteuerlich blau gefärbt sind. Der einbeinige Bandit in 3-2-1.

Männer, die so fett sind, dass sie seit Jahren nicht mehr ihren Penis gesehen haben. Jeden Abend muss ich hier meine Augen mit Seife auswaschen. Dass genau diese Fettmoose hier glotzen was es gibt, brauche ich nicht zu erwähnen.

Diese Menschen haben alle noch nicht begriffen, dass es Gründe gibt, warum sie hier sind. Dass es um ihre eigenen Körper geht. Dass der Körper der Tempel ist, der unsere Seele durch dieses Leben hier trägt.

Aber was geht mich fremdes Leid an.

Und nein, ich muss nicht alle verstehen und für diese Menschen Verständnis haben. Ich muss mich nicht in jedes Leid hineinversetzen, um den Weg bis zu dieser körperlichen Entstellung zu begreifen. Ich habe genug eigenes Leid, welches für mehrere Leben reicht, und lasse mich dennoch nicht so gehen.

Zum Reifeprozess gehört nämlich auch dazu, sich genau die Menschen auszusuchen, mit denen man harmoniert, von denen man lernen kann und denen man auch gleichzeitig unbewusst hilft. Gleichzeitig sollte man sich jedoch auch von diesen anderen abgrenzen, die einem nicht gut tun.

Denn diese Erkenntnis ist in mir in den letzten Tagen gewachsen: in dem Moment, in dem man versteht, wer einem nicht gut tut, hat man automatisch schon den anderen verstanden. Denn man hat deren Beweggründe, Ziele, Verwundungen und Traumata instinktiv begriffen und bemerkt, dass diese nicht mit einem selbst kompatibel sind. Man muss nicht die andere Wange hinhalten und alles ertragen und verstehen, da man nämlich zuerst sich selbst lieben sollte, bevor man die anderen lieben kann. Daher ist diese Form der Abgrenzung für die Psyche überlebenswichtig.

Durch dieses feine Spiel von Abgrenzung und Zugehörigkeitsgefühl lernt man, sich selbst zu verstehen und zu lieben. Dafür ist es aber eben wichtig, genauso das System in seiner Ganzheit zu erfassen, da alle Aspekte zu der Erfahrung in unserem Leben gehören. Die guten und die schlechten.

Raucherinsel

Der mit Abstand wichtigste Place-to-be ist hier in der Reha die Raucherinsel. Diese ist von früh um 6:00 Uhr bis Klinikabschluss 23:00 Uhr stets besetzt. Die Menschen kommen schon in der Jacke zum Essen, damit sie direkt wieder weiterrauchen gehen können.

Alle stehen hier draußen. Jeder kennt jeden. Alle wissen alles über die anderen. Wer mit wem und warum. Wer nicht hier steht, kann nicht mitreden und gehört auch nicht dazu.

Und wie in der Schule damals, gibt es Anführer und folgsame Rudeltiere. Nur sind die Coolen von damals nicht mehr die Coolen von jetzt:

Fahlgraue Menschlein beiderlei Geschlechts gestützt auf Krücken, im Rollator. Riesige dicke Männer, deren Füße durch das Rauchen so tot sind, dass sie gar nicht mehr das Loch in der Sockenferse bemerken. Gestandene Frauen mit der ewig gleichen „flotten Kurzhaarfrisur“ in einem nicht abschätzbaren Alter zwischen 40-60. „Coole“ Typen in schwarzen Kapuzenpullovern mit komischen Totenköpfen mit Tribalmustern drauf. Stonewashed Jeans von vor 10 Jahren vom Grenzmarkt zu Tschechien. Diese ewiggleichen Daunenjacken oder Daunenwesten mit den Bockwurstwülsten. Ein Elend. Rudis Biomassen-Resterampe.

Wenn man in den Wald gehen will, muss man hier an denen vorbeilaufen. Ein Schaulaufen aus der Hölle. Ich grüße sie aus Prinzip nicht, ich will nicht dazugehören.

Cornern auf dem Parkplatz

Die Alternative zu Halloween.

Da in der Klinik strenges Alkoholverbot herrscht, müssen die Coolsten der Coolen natürlich trinken.

Auf dem riesigen Parkplatz vor der Klinik klappen am Abend die Autotüren auf und zu, wie Schmetterlinge in der Sonne. Jeder hat irgendeinen Alkohol in seinem Auto. Bier wird gegen Sekt gegen Underberg gegen Feigling getauscht.

Ich bin wahrlich kein Kind von Traurigkeit, aber dies hier ist abstoßend. In der Tat habe ich bis jetzt nur zweimal Rotwein in einer Gaststätte und einmal Bier auf dem Parkplatz getrunken. Das Bier ausnahmsweise zum Abschied eines netten Kurmitmenschens. Daher weiß ich auch, wovon ich rede.

Nur findet dieses Szenario hier jeden Abend statt.

Und am nächsten Morgen sitzen sie wieder in der Kantine, mit dieser typischen braun-rot-grauen Gesichtsfarbe aus zu viel Zigaretten, Schnaps und mangelnder Bewegung. Richtige Männer! Und Frauen. Und alle fühlen sich 16, nur die Leber ist 50 aufwärts. Oder so.

Halloween in der Reha

Und aus diesen magischen Zutaten mischen wir uns am 31.10.2020 einen wunderbaren Halloween-Abend. Rein zufällig ist dies auch der letzte Samstagabend vor dem Lockdown.

Der Gastronom in der Mitte des Kurortes hat den größten Fehler der letzten Monate gemacht, indem er sich Betriebsferien bis zum 01.11. genommen hat. Pünktlich zum Lockdown wird er wiederkommen und seine Frau – immer ist die Frau schuld, besonders hier, wo es noch richtige Männer gibt  – wird wohl ihr blaues Wunder erleben.

Alle wollen es heute – zu Halloween – nochmal krachen lassen und haben sich Plätze in der letzten Gaststätte – einem Imbiss – reserviert. Die Kantine ist am Abend leergefegt. Alle sind irgendwo draußen und genießen die letzten Momente der Freiheit. In der Klinik selbst ist nichts zu Halloween geplant. Garnichts.

Später reißt auch noch der Himmel auf und lässt den Blick auf den Vollmond zu.

Ich beuge mich über die Balustrade meines Balkons, um einen Blick auf den Mond zu erhaschen, aber keine Chance.

Aber da ich weiß, dass ich bei den Rauchern und dem Parkplatz vorbei müsste, um mich in den sicheren Wald – sicher, da dort keine Menschen sind – zu stehlen um den Mond zu sehen, verwerfe ich die Idee und werde alles im November nachholen.

Als ich in der kalten Nacht auf dem Balkon stehe, während ich einen Blick auf den Mond zu erhaschen versuche, höre ich in der Ferne lautes Gelächter auf dem Parkplatz. Alle sind draußen. Alle!

Vielleicht lassen sie auf diese Weise den roten Tod in die Klinik – also übertragen natürlich in Form von Corona. Es bleibt spannend.

Um Halloween dennoch würdig zu genießen, schaue ich mir noch mal Spuk im Hill House an, die Serie hatten wir damals mit Steffen geschaut und waren entsetzt ob deren Jenseitsvorstellung. Da ich aber nun weiß, dass die „Realität“ nicht so ist, kann ich mir diese sehr gute Serie noch mal anschauen. Wie als wäre Steffen dabei.

Da die Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits in der Nacht vom 31.10. zum 01.11. dünn sind, hoffe ich also auf einen schönen Videoabend mit Steffen.

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