Warum gestaltet sich das Leben stets so, als wäre es ein ewiger Kampf? Müssen wir denn immer kämpfen und ist Aufgeben wirklich keine Option? Wie können wir mit uns gnädiger werden?

Wie oft hat jeder von uns schon einmal an einem Krankenbett gesessen und in Dauerschlaufe dem armen Kranken vorgebetet: „Du musst kämpfen, dann kannst du es schaffen! Nur mit der richtigen Überzeugung wirst Du auch wieder gesund!“ während der Kranke einfach nur Ruhe wollte und innerlich schon mit den Augen rollte.

Der Kampf meiner Mama

Meine Mama hatte 1998 einen Hirnschlag mit anschließendem Koma für ein halbes Jahr und danach weitere Monate im Wachkoma. Ein Zustand, den niemand aus unserer Familie ertragen konnte.

Wir haben damals über ihre Zukunft bestimmt und für sie stellvertretend weitergekämpft, denn sie konnte es in ihrem Zustand ja nicht. Uns war bewusst, dass sie uns immer gesagt hat: „ich möchte kein Pflegefall sein und ich möchte niemandem zur Last fallen“, aber dennoch haben wir uns über ihren Wunsch hinweggesetzt, denn dieser Hirnschlag kam so plötzlich. Meine Mama war damals 49 Jahre alt, so dass wir uns nicht mal ansatzweise darauf einstellen konnten, dass wir unsere Mutter und mein Papa seine Partnerin verlieren könnten. Aufgeben war daher keine Option.

Ihre letzten Worte bei Bewusstsein waren „alles wird wieder gut“, genau dieselben Worte wie das „alles wird gut“ von Steffen.

Die Hoffnung

Hoffnungsvoll und dankbar greifen wir immer wieder nach dem Zweig der Hoffnung. Natürlich hilft es ja auch und manchmal ist auch die Hoffnung alles, was wir noch haben. Wir Menschen hätten ohne die Hoffnung nicht bis zum heutigen Tag überlebt, denn die Hoffnung und der Überlebenswille stecken in uns und gehören zu unserer Natur.

Unser Kampf

Steffen und ich fühlten uns zu Beginn der Krebsdiagnose nach dem ersten Schock so übermächtig, dass wir genauso gebetsmühlenartig wiederholt haben: „Alles wird gut“ und noch verrückter „alles wird wieder so wie vorher“. Es war für mich schier unvorstellbar, dass Steffen stirbt. Wir sollten damit ja auch erst einmal Recht behalten, der Krebs war nach einem halben Jahr Kampf im Dezember 2018 besiegt.

Jedoch hat uns keiner der Ärzte jemals über die Mortalität dieses Krebses oder die Risiken der Rückkehr durch Metastasen aufgeklärt. Das einzige, was Steffen stets zu hören bekam, war „Sie sind jung, sie schaffen das“.

Und natürlich verdrängt man dann und besonders in den letzten Tagen vor dem Tod eben diesen. Entschuldigt daher, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe, denn diese schmerzhafte Erkenntnis kam mir letzte Woche in der Rückblende.

not so funny-fact

Immer öfter lerne ich aktuell junge Witwen mit genau demselben Schicksal kennen:

  1. plötzliche Krebserkrankung eines jungen und gesunden Menschen
  2. Kampf
  3. geheilt
  4. einige Wochen später ganz plötzlicher Tod durch Rezidiv/Metastasen

Zeit zu Sterben

Natürlich fragten mich damals ab und an die Schwiegermama und meine Freunde, was wäre, wenn? Wie geht es weiter?

Fragen, die ich vehement ignorierte oder flapsig abtat. Als Steffen einmal diese Frage einer Freundin mit „die Dana schafft das auch alles ohne mich“ beantwortete, schaltete ich komplett auf Durchzug und antwortete bockig „Quatsch Steffen, du stirbst nicht an dem Krebs“.

Ich ignorierte auf diese Weise die Tatsache, dass Steffen sterben würde und habe uns damit die Chance genommen, uns in Liebe zu verabschieden, ihm beim Sterben zu helfen und uns noch wichtige Dinge zu sagen.

Ich möchte nicht sagen, „hört auf zu kämpfen“, aber lasst auch einmal solche Gedanken zu, dass es vielleicht doch nicht funktionieren könnte. Es ist auch vollkommen ok, einfach einmal aufzugeben. Vielleicht nimmt man so auch von den Liebsten den Druck, zu performen und damit auch eine furchtbare Last von den Schultern? Denn sie haben schon damit zu tun, selbst zu akzeptieren, dass sie sterben. Wie schlimm ist es dann, dass sie sich auch noch gegen uns durchsetzen müssen.

aus der Instagram Story
irgendwo in Kreuzberg

Wann ist es genug? Wann hört man auf zu kämpfen?

Wenn man nicht mehr kann. Und nach dem Lesen dieses Artikels, vielleicht schon etwas eher.

Woher kommt dieser Druck, den wir uns selbst zufügen, immer kämpfen zu müssen?

Es sind Muster, die wir schon von Kindesbeinen an beigebracht bekommen haben. Weiter geht es etwas später dann mit Karrierezielen, Sportwettkämpfen und im TV-Alltag mit nicht enden wollenden Wettkampf-Shows. Nur der vermeintlich Beste gewinnt. Nur der erste Platz bekommt Bestätigung. Und alle anderen sind unglücklich.

Warum ist Aufgeben so schwer? Birgt das Aufgeben in sich nicht vielleicht sogar eine Chance auf etwas Neues, auf etwas, was vielleicht viel mehr zu uns passt?

Davon bin ich mittlerweile fest überzeugt. Neutral betrachtet, habe ich versagt: Steffen hat nicht überlebt, die Nahrungsumstellung hat nichts gebracht und unser Unternehmen gibt es auch nicht mehr.

Aber jetzt habe ich viel mehr Zeit zum Schreiben und darüber empfinde ich ein tiefes Glück. Das Feedback, welches ich über diesen Blog bekomme, überwältigt mich immer wieder. Und die kleine Ahnung, helfen zu können. Menschen, die sich in dieser oder ähnlicher Situation befinden, nicht allein im Regen stehen zu lassen. Und die anderen gnädiger werden zu lassen. Empathie für alle.

Ich habe schon so oft erlebt, dass man entbehrlich ist und dass das Leben auch ohne einen weiter geht. Kein Arbeitsplatz ist so wichtig, wie die Gesundheit. Jeder ist ersetzbar.

Vielleicht sollte man einfach ab und an einmal einen Schritt zurücktreten und innehalten?

Das ist generell ein hilfreicher Tipp. Lass die anderen zuerst reden, so bekommst Du ein tieferes Verständnis für deren Probleme und hörst auf, dich selbst so wichtig zu nehmen. Auch hier wieder: Empathie und Liebe.

Bin ich noch auf dem richtigen Weg oder habe ich mich verrannt?

Aus meinem jetzigen Blickwinkel würde ich sagen, wenn die Knüppel, die dir vom Schicksal zwischen die Beine geworfen werden, immer größer werden, ist es wohl nicht gut für dich. Die Buddhisten sagen, dass du dein Schicksal nicht unter Kontrolle hast, aber wenn Du es annimmst, auf dein Bauchgefühl hörst und dich mittreiben lässt, wird etwas Wunderbares daraus, denn jeder hat eine andere Aufgabe auf dieser Welt.

Kann ich in dieser Situation noch etwas ändern oder bilde ich es mir nur ein?

Die Inder würden sagen, was auch immer passiert, ist vorbestimmt. Du kannst es nicht ändern. Du kannst nur lernen, es zu akzeptieren.

Sollte ich nicht einfach einmal schweigen und zuhören?

Generell immer. Hilft ungemein.

Was würde ich an der Stelle von (Steffen, Mama, Kind, Partner …) machen?

Es hilft stets, sich einfach einmal in das Gegenüber hinein zu versetzen. Das nimmt den Druck aus einer Entscheidung heraus und unterstützt uns dabei, menschlich zu bleiben.

Fazit:

Man kann mit seinem Willen nicht das Schicksal beugen. Und es ist uns nicht vorbestimmt, zu leiden. Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Leben ist nicht leiden. Leben ist Liebe! Wir sind nicht dafür gemacht, ewig zu leiden.

Nur wer leidet, kommt ins Paradies? Bullshit. Dafür sind wir doch zu schlau, oder? Natürlich gehört das Leid zum Leben dazu, sonst könnten wir ja auch kein tiefes Glück spüren. Aber wir müssen es uns doch nicht künstlich schwer machen!

In der Rückblende weiß ich nun, dass Steffen keine Kraft mehr hatte und dies auch nicht in Worte fassen bzw. sich gegen meinen Kampgeist durchsetzen konnte. Damit muss ich nun klarkommen.

3 Comments on “Warum müssen wir kämpfen?

  1. Ich verwende genau aus diesen Gründen das Wort „aufgeben“ nicht mehr! Das Wort ist (für mich) hier völlig falsch.bzw wird es von allen falsch interpretiert! Es geht nicht um das Aufgeben zu leben.
    Ich verwende nur mehr das Wort „aufhören“! Dieses Wort hat nicht so negative Randerscheinungen und Einflüsse. Aufzuhören ist besser als aufgeben.
    Meine mir Anvertraute wird in absehbarer Zeit aufhören zu kämpfen. Aufgeben wird sie nie! Mit der Chemo wurde aufgehört! Es wurde nie aufgegeben.
    Ein sehr dummer, einfältiger Spruch lautet: Aufgegeben wird ein Brief, sonst nichts!
    So halte ich es auch!
    Irgendwann kann man aufhören. Die Betonung liegt hier auf KANN.
    Er hat aufgehört, Sie hat aufgehört, Meine mir Anvetraute wird auch aufhören. Vermutlich bald.
    Aufhören, nicht aufgeben!

  2. Danke Peter, da hast Du natürlich Recht. Das Wort „aufgeben“ in Verbindung mit Leben wirkt wie ein fieser Stachel. Ich meine eher den bewussten Akt des Loslassens, es einfach mal sein zu lassen und bewusst sein, ob der Dinge, die jetzt werden und nicht nur „Kopf runter und durch“ und alles ausblenden (wie ich). Ich wünsche Euch alles erdenklich Gute!

  3. Ich bin (leider) dabei, mich mit dem Gedanken des Loslassens anzufreunden. Schon länger….
    Danke für die Wünsche!!

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