Ein Satz, den Trauernde ständig hören, ist: „du musst doch mal loslassen!“ doch was ist dieses Loslassen eigentlich?

Loslassen im Sterbeprozess

Als Trauernde hat man immer irgendwie immer mit anderen Trauernden zu tun. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass die anderen uns glücklicherweise (noch) nicht verstehen oder weil man sich geistig ständig um diese Thematik dreht?

Denn zu einem gesunden Trauerprozess gehört die Verarbeitung des Erlebten, und das funktioniert nur in der Auseinandersetzung mit sich selbst oder im Gespräch mit anderen.

Und eine der ersten Fragen beim ersten Aufeinandertreffen mit anderen Trauernden ist die nach der persönlichen Trauergeschichte. Was ist dem anderen Trauernden wohl widerfahren?

Ob verschiedenste Krankheiten oder plötzliche Todesfälle oder wie gerade sehr aktuell: Covid19, können die wenigsten von sich behaupten, im letzten Moment dabei gewesen zu sein, in dem Sterbemoment des geliebten Menschen. In dem Moment, in welchem die Seele den Körper verlässt.

Immer öfter stoße ich auf Geschichten, in denen der Sterbende just in diesem Moment stirbt, wo er nur noch allein im Raum ist. Die Freunde oder Verwandten sind nur mal kurz Kaffee holen und genau in diesen paar Minuten stirbt dieser Mensch.

Und dieser Aspekt ist der Quell für unzählige Selbstvorwürfe, denn viele hadern mit diesem Erlebnis und zerfleischen sich:

„ich konnte mich gar nicht verabschieden, er ist ganz alleine gegangen, ich habe ihn allein gelassen.“

Die Wahrheit ist meist jedoch eine gänzlich andere:

Da wir denjenigen nicht loslassen konnten und vielleicht am Bett weinten und Dinge sagen, wie „Du kannst mich nicht verlassen“, „Wie soll es ohne dich weitergehen“, „lass mich nicht allein“ ist der Sterbende hin und hergerissen.

Der Sterbende weiß ganz genau, dass er sterben muss und dass es kein Zurück in das uns bisher Bekannte mehr gibt. Und auf der anderen Seite stehen wir neben ihm und weinen und barmen. Der Sterbende hat selbst furchtbare Angst, da er nicht weiß, was ihm geschehen wird, er gerne selbst noch eine Weile hier mit uns verbracht hätte und dass er das alles nicht mehr im Hier und Jetzt mit uns teilen kann. Er weiß nur zu gut, dass es jetzt keine gemeinsame Zukunft mehr gibt und er hat wahrscheinlich Angst vor dem Unbekannten.

Ich finde diese Vorstellung mittlerweile sogar noch schlimmer, denn wir leben ja hier in dem uns bekannten noch ein Weilchen weiter. Zwar etwas mehr allein, aber wir leben noch.

Innerlich komplett zerrissen entscheidet sich daher der Sterbende in genau diese wenigen Minuten, in denen keiner im Raum ist, zu sterben. Endlich hat er die Ruhe dafür gefunden.

Eigentlich wäre es wahrscheinlich viel wichtiger, wenn wir den Sterbenden bitten würden loszulassen.

Aber wie geht dieses Loslassen im Sterbeprozess?

Wenn in Indien oder Tibet ein Mensch im Sterben liegt, wird umgehend der Priester gerufen. Gemeinsam mit dem Priester und Angehörigen wird nun am Bett des Sterbenden gebetet. In den Sanskrit-Gebeten wird dem Sterbenden, bzw. genauer seiner Seele gesagt, „du kannst loslassen, dieser Weg ist der Richtige“ Es wird vermieden, Dinge wie „du kannst uns doch nicht zurücklassen“ zu sagen, denn der Sterbende soll unbelastet seinen letzten Weg antreten.

Wie ich schon in meinem Blogeintrag über den Tod und das Sterben in Indien berichtet habe, ist in diesen Religionen Sterben nicht das Ende. Der Tod ist genauso wie die Geburt ein Neubeginn, eine große Tür, die man durchschreitet, um etwas Neues zu beginnen. Daher stellt sich der Abtransport des Leichnams aus dem Haus hin zum Verbrennungsort ziemlich gut gelaunt ab. Vorneweg zieht eine Kapelle mit lauter Musik, Verwandte und Angehörige tanzen, singen und versuchen zu Lachen. Denn dieses irdische Leben ist vorbei und man betritt im Idealfall dass Nirvana aber viel wahrscheinlicher ein neues Leben, eine neue Reinkarnation, die wahrscheinlich viel schöner als das bisherige Leben ist.

Die Buddhisten gehen so weit, dass sie sagen, dass das Leben hier auf der Erde die eigentliche Hölle in unserer christlichen Definition ist. Den ewigen Kreislauf aus Geburt und Reinkarnation nennen sie Samsara, den einzigen Ausweg, den es gibt, ist das Nirvana.

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Wer die vorgenannte Theorie interessant findet, dem kann ich dieses Buch wärmstens ans Herz legen. 

„Das tibetische Buch vom Leben und Sterben“ hat mir geholfen wie nichts anderes. Nur so konnte ich die schlimmste Trauer um Steffen überwinden.

 

Hier kann man übrigens auch lernen, dem Sterbenden Kraft und Führung mit auf den Weg zu geben, damit dieser und man selbst weniger leidet.

Ich finde es nach wie vor unbeschreiblich traurig, dass ich dieses Wissen nicht schon bei Steffens Tod hatte und ihn nicht begleiten konnte. Aber ich habe jetzt eine Ahnung, was ich bei dem nächsten Sterbenden in meinem Umkreis tun werde. Und wie wir alle wissen:

Wir werden alle sterben!

Also macht euch bitte keine Vorwürfe, dass ihr nicht dabei sein konntet. Die wenigsten erleben dies. Niemand, und schon gar nicht der Verstorbene, ist euch deswegen böse!

Loslassen aufgrund Verletzungen

Manchmal sind auch Menschen gestorben, die einen während ihrer Lebenszeit verletzt haben. Es sterben ja überraschenderweise nicht nur die Guten. Der Tod ist sehr gerecht.

Mögen es Eltern sein, die einen schlimm geprägt haben, sei es eine Verletzung eines Verwandten, die man durch den Tod nicht aufarbeiten konnte. Oder man hat selbst ein schlechtes Gewissen, da man sich bei dem anderen nicht mehr entschuldigen oder erklären konnte.

Hier hilft es, einen Brief zu schreiben, in welchem man alles hineinpackt, was einen beschäftigt. Alle Vorwürfe, alle Verletzungen und alle Entschuldigungen.

Ja, dieser Prozess des Aufschreibens wird schmerzhaft werden, und man wird sehr wütend sein. Aber in dem Moment, in welchem man seinen Schmerz in Worte packt, lässt er nach.

Hilfreich hierbei ist auch, wenn man sich die Mühe macht, sich in den anderen hineinzuversetzen. Wie war das denn damals für diese Person als Kind, warum hatte sich diese Person sich angewöhnt, Dinge so oder so zu regeln? Was hat diese Person so sehr verletzt, dass er später nur noch selbst verletzen konnte? Denn

Menschen, die verletzen, sind selbst verletzt.

Indem man sich mit dieser Person noch einmal richtig tief auseinander setzt und nicht alles aus der Ich-Perspektive betrachtet, ergibt sich Mitleid und Verständnis.

Und das ist der Moment, wo man diese Person innerlich loslassen kann, in dem man die Beweggründe für die Entscheidungen des anderen versteht und nachvollzieht.

Pro-Tipp:

Das kann man auch mit noch lebenden Personen machen.

Wie verschicke ich Nachrichten ins Jenseits?

Nimm denn gerade geschriebenen Brief und übergib ihn dem Totenreich. Dafür gibt es verschiedene Wege:

Feuer

In der chinesischen Tradition kann man den Toten Geld zukommen lassen, indem man sogenanntes Totengeld in speziell dafür vorgesehenen Schreinen verbrennt. Kaching – die Überweisung ins Totenreich ist passiert.

Feuer ist das Medium der Wahl, um Nachrichten und Geld in das Totenreich überbringen. Also warum nicht einfach den Brief auf diese Weise zustellen, indem man ihn verbrennt.

Im Indischen Vastu ist die Energieumwandlung von Feuer zu Licht zu Luft die Mitteilung an die Götter. Die Feuerstelle für diese Art Post sollte am Besten im Südosten der Wohnung oder des Grundstückes liegen.

Ihr seht, Feuer funktioniert in beide Richtungen, Totenreich oder Götter. Wie eine gigantische Rohrpost zu Gott.

Gemäß dem Vastu verbinden Räucherstäbchen das Element Feuer mit dem Element Erde. Es ist also nie verkehrt, gleich noch ein Räucherstäbchen hinterher zu zündeln:

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Erde

Auch das Vergraben in der Erde ist hilfreich. Baut ein kleines Grab, nicht unbedingt in eurem Garten, aber vielleicht in einem Wald oder an einem Platz, der der betreffenden Person etwas bedeutet hat. Ihr könnt Euch dafür auch eine kleine Zeremonie kreieren. Fackelt ein Räucherstäbchen ab, haltet eine Kerze. Macht das Ritual bei abnehmendem Mond, damit dieser Prozess mit Neumond beendet ist.

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Wasser

Benutzt für den Brief am besten Ökopapier oder schreibt es auf herbstliche Blätter. Am besten eignet sich fließendes Gewässer. Mit ein paar Blütenblättern wird es auch noch optisch ansprechend. Ihr könnt das Papier auch anbrennen und ins Wasser werfen. Oder in minikleine Fetzen reißen und ins Meer streuen.

Wind

Auch hier kann man das Papier in klitzekleine Fetzen reißen und sich am besten an eine Klippe stellen und alles vom Winde verwehen lassen. In diesem Fall gilt auch: nehmt Ökopapier und zündet es nicht gerade an, wenn Waldbrandwarnstufe ist!

Ihr seht schon, alle vier Elemente sind Überträger der Nachrichten. Ihr könnt selbst entscheiden, welches euer Mittel der Wahl ist. Die Entscheidung über Ort und Medium liegt dabei ganz bei euch, denn dieser Prozess gilt hauptsächlich der Befreiung eurer Seele von der Belastung.

Muss ich überhaupt loslassen?

Ich zu meinem Teil möchte Steffen gar nicht loslassen. Er ist sowieso immer in meinem Herzen und schwirrt überall herum und macht Dinge. Und das ist auch gut so.

Keine Sorge, Geister sind nicht böse, das ist nur für Halloween-Fans.

Und daher ist es auch egal, was andere sagen, wenn sie mal wieder predigen: „Du musst loslassen“.

Du musst gar nichts, außer essen, k*cken und sterben.

Im Idealfall in dieser Reihenfolge.