Mitleid ist das erste, was dir in der Trauer entgegenschlägt. Mitleid ist ein riesiger Arsch! Mitleid ist Macht und Unterdrückung zugleich. Ich hasse Mitleid!

Was ist eigentlich Mitleid?

Mitleid ist eine Spiegelung deines eigenen Gefühls auf die Situation des anderen. Indem du dir vorstellst, wie du dich – aus deiner jetzigen Warte des Wissens – in einer bestimmten Situation fühlen würdest, baust du dein Mitleid auf. Du denkst, Mitleid hilft dem anderen, frei nach dem Motto geteiltes Leid ist halbes Leid. Mitleid ist eine christliche Erfindung, genau so wie Schuld.

Wenn ich könnte, würde ich dir deinen Schmerz abnehmen!

Bah! Schön gesagt, wenn man weiß, dass es eh nicht funktioniert. Das sind nur hilflose Lippenbekenntnisse, denn seien wir mal ehrlich: du kennst deinen Trauerschmerz zu gut und du würdest einen Teufel tun, dir diesen von irgendjemand anderen nochmal freiwillig aufzuhalsen. Egal wieviel Nächstenliebe du in dir trägst, denn:

this time is different

Mitleid ist komplett unnütz und lässt andere sich scheiße fühlen.

Mit Mitleid beobachtest du lediglich. Der Bettler am Straßenrand, dem du den Euro gibst – du würdest ihn niemals mit nach Hause begleiten und helfen, wieder im Leben Tritt zu fassen. Du machst einen Ablasshandel – Euro gegen gutes Gewissen. Der Euro bedient dein Mitleid. Nichts weiter. Dem Bettler hilft der Euro nicht, er verlängert nur seine Situation.

Es ist genauso, wenn eine Person Angst vor einer bestimmten Sache hat, und du nimmst ihr dies immer wieder ab. Damit hilfst du niemandem und nimmst der Person die Selbstbestimmung. Manche Dinge müssen erst richtig weh tun, bevor der Knoten in der Rübe platzt.

Mitleid ist also eher eine passive Haltung mit bitterem Beigeschmack. Wir stellen zwar eine emotionale Bindung zur betroffenen Person her, bedauern aber unser Gegenüber gleichzeitig.

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Was du gegen das Mitleid anderer machen kannst

Die ganze Sache ändert sich aber schlagartig, wenn du dich selbst an deinen Haaren aus der Scheiße ziehst. Wehe, du rappelst dich auf, kämpfst dich hoch. Das will keiner wissen. Manche wollen einfach in ihrem Mustopf liegen bleiben, ist ja wohnlich da, alles ist bekannt, alles ist sicher da.

Menschen, die sich wiederum stetig selbst irritieren, neues wagen, weiter gehen, immer einmal mehr wieder aufstehen sind solchen Mustopf-Menschen suspekt.

Das Mittel der Macht von diesen Mustopfmenschen ist dann oft das Mitleid. Denn durch so eine Mitleidsnummer können sie den anderen da unten schön klein behalten. Ist doch schön hier, es funktioniert doch auch so. Bestell das Essen doch online, dann musst du nicht mehr raus.

Mitleidige Menschen brauchen gleichzeitig diesen wohligen Schauer, wenn sie auf jemanden herabblicken „ach herrje, dem geht es ja furchtbar. Ach, muss das furchtbar sein, so was zu erleben“. Aber keine Sorge, eure große Stunde kommt auch noch, und es wird fürchterlich.

Neben deinem eigenen Elend ist Mitleid gerade das letzte, was du brauchst, denn nicht nur, dass du genügend mit dir zu tun hättest, nein, jetzt musst du dir noch deren Schmerz-Sichtweise reintun und hast auf einmal Sachen auf der Liste der Dinge, über die du dir noch gar nicht Gedanken gemacht hast, weil es deren persönliche Sorgen sind.

Mitleidige Menschen beobachten dich und dein Leid, schütteln sich danach innerlich und wackeln danach selbstgefällig wieder nach Hause, um sich dort über irgendwelchen anderen random shit aufzuregen. So als wäre nichts geschehen. Während du weiter in deinem Elend hockst.

Was du jetzt aber weißt, ist dass die Trauer natürlich scheiße ist, aber nicht ganz so scheiße, wie du dir das damals vorgestellt hast. Also nicht besser oder so, oder schöner. Sondern einfach unerwartet krass anders scheiße. Next-Level-Scheiße. Dinge, die du dachtest, sie würden sich so und so anfühlen, fühlen sich anders an und andere Dinge knallen unverhofft rein, so dass du gar nicht reagieren kannst. Jetzt verstehst du auch, warum Mitleid nicht funktionieren kann, denn die Vorstellung aus dem Mitleid heraus ist komplett anders als die Realität. Denn die Trauer ist deine Realität und das Mitleid der anderen ist deren Realität.

Trauerarbeit ist wie ein Sprint durch die Schützengräben: der tiefe Bombenkrater sieht scheinbar sicher aus, ist aber gefüllt mit zerfetzten und stinkenden Leichen. Aber dort oben, da auf dem Hügel, da kannst du die sichere Laufrichtung wieder erkennen, in welche du weitersprinten solltest. Du brauchst jemand, der dir sagt: Hoch, steh auf! da oben geht es weiter!

Jede diese mitleidigen Äußerungen schubst dich wieder zurück auf den Leichenhaufen, aus dem du dich gerade nach oben geboxt hast. Und das noch viel Schlimmere daran ist, du verlierst den Mut und den Kampfgeist, dich immer wieder neu ans Licht zu kämpfen.

Gewöhnlich verschwinden mitleidige Menschen sehr schnell, wenn es dir wieder etwas besser geht, denn sie saugen nur von deinem Leid, sie wollen dir nicht helfen.

Mitgefühl statt Mitleid

Im Gegenteil zu Mitleid ist das Mitgefühl das Mittel der Wahl. Mitgefühl behandelt einander auf der gleichen Ebene. Fange mit dem Mitgefühl mit dir selbst an. Auch ich habe eine Zeitlang mehr Selbst-Mitleid als Selbst-Mitgefühl gehabt. Das mag für den Anfang probat sein. Aber der Unterschied ist, dass man bei Selbst-Mitleid auf dem Level verharrt. Man bleibt automatisch da unten im Keller. Das Selbst-Mitgefühl hingegen macht so Dinge wie:

Und genau so geht das mit Mitmenschen. Freunden und lieben Verwandten.

Hier sagt eine Tat mehr als tausend Worte. Ein simples in den Arm nehmen, ein fester Drücker, ein gemeinsam frisch gekochtes Abendessen.

Zuhören! Da sein! Nicht werten!

Alte und neue Freunde

Verwechsele Mitleid also nicht mit dem Mitgefühl deiner echten und engen Freunden – die schon vorher da waren oder auch neue Trauerkumpels, die genau wissen, wo du gerade stehst. Das ist Mitgefühl. Sie haben Mitgefühl mit dir und deiner Situation, und sie werden dir bei jeder Gelegenheit im Rahmen ihrer Möglichkeiten helfen. Freunde agieren auf Augenhöhe, und wenn nicht, dann sind es eben nicht deine echten Freunde. Simpel, oder?

Zugegeben, ich habe das unfassbare Glück sehr gute Freunde zu haben. Erste Reaktionen, die mir direkt nach Steffens Tod geholfen haben, „out of the box“ zu denken und über eine Welt danach nachzudenken, waren:

„Well, you are completely fucked. What´s the status, what could you do now?“

„nein, der nächste Typ wird nicht wie Steffen sein. Vielleicht sieht er auch aus wie Danny de Vito, klein und fett, dafür ist er aber reich.“

Dann gibt es aber auch noch die Freunde, die durch den Schock genauso gelähmt sind, wie du vielleicht, und die sich zurückziehen. Es gibt vielleicht maximal eine kurze Äußerung, vielleicht auch gar nichts. Meistens sind es die sensiblen Freunde. (nicht verwechseln mit wirklichen feigen Arschlöchern, aber du kennst deine Pappenheimer selbst am besten.)

Die Stunde der stillen Freunde kommt viel später, vielleicht genau dann, wenn die anderen MItleider nicht mehr da sind. Schreib sie nicht ab.