Unterwegs in Berlin

Ich fiebere schon die ganze Woche dem morgigen Tag entgegen, dem Tag, an dem ich Berlin für meinen Italien-Roadtrip verlassen werde. Weiter Googlemarker werden gemacht, obskure Sehenswürdigkeiten und Museen werden herausgesucht. Leider hatte ich jedoch diese Woche noch Pflichten, die zu erledigen waren und die mich emotional ziemlich zurückgeworfen haben.

Der Hilferuf

Das führte dazu, dass ich gestern Abend wie versprochen eine Notrundmail an meine Freunde versandte. Ich hatte ja gesagt, dass ich mich melde, wenn ich Zuwendung brauche.

Wer hat Zeit für Bier mit mir?

Tickerte es durch den Äther und sogleich gab es eine Antwort:

Mein lieber Freund E. – oh, ich habe gerade das erste Mal mit vollem Bewusstsein „Mein“ statt „Unser“ geschrieben… – antwortete sofort. Es wäre ja Folsom Weekend und alle sind da und trinken Bier, komm vorbei.

Große Freude!

Berlin

Schon als ich zu meiner Straße einbiege, steht an der Ampel ein korpulenter Mann im Fuchskostüm mit einem langen Schweif und ruft sich ein Taxi.

Es war wohl der Discofuchs.

Ein breites Lächeln formt sich in meinem Gesicht. Ach, verrücktes Berlin, wie habe ich dich vermisst.

Vollmond

Zuhause angekommen sind schnell die Doc Martens angezogen. Ich springe auf mein Fahrrad und fahre in der Nacht durch Berlin, Richtung Schöneberg. Der Vollmond strahlt groß und rund am Himmel und leuchtet mir den Weg. Mein Steffen ist auch dabei. Er fehlt mir so unglaublich und ständig. Aber immer wenn ich den Mond sehe, geht der Strahl unserer Liebe direkt in mein Herz. Und dieses fängt an zu hüpfen und springt langsam wieder auf.

Und während ich so vor mich hinradele und mich auf die Jungs freue, bekomme ich das erste Mal seit Tagen Hunger.

Schöneberg

Umso mehr ich mich dem Epizentrum des Folsom nähere, umso mehr Männer sehe ich. In Leder, Latex, Lack und Uniform, schlanke, dicke, große, kleine. Oh Gott, so viele schöne Männer und knackige Männerhintern.

Schnell wird das Fahrrad irgendwo angebemselt und ich suche den Laden, wo wir uns verabredet haben. Das Straßenfest wird gerade abgebaut und ich muss mich durch Herden von ledergewandeten Typen schlängeln. Und keiner interessiert sich für mich und keiner glotzt mich blöde an. Man kann hier einfach sein, wertungsfrei. Mein Herz zackelt noch eine Ecke weiter auf.

Die Herren sind nicht mehr im verabredeten Laden, wir telefonieren uns zusammen. Ich habe Hunger und kaufe mir fix eine Bratwurst.

Bratwurst

Bratwurst gehört für mich zum ernährungstechnischen Min-Max-Prinzip: eine Bratwurst essen und danach ist man satt und es ist einem schlecht für Stunden. Nichts erwarten und nichts bekommen. Perfekt vor dem ersten Bier.

Wir treffen uns in der Wohnung von Herrn E. in Schöneberg. Dort sind sie alle: vier Kerle, alle freuen sich, mich zu sehen. Ich bekomme direkt ein Bier in die Hand gedrückt und setze mich in die Ecke und freue mich wie blöde, grinse dämlich wie ein Honigkuchenpferd und beobachte das sich vor mir ergebende Szenario und genieße den Moment:

Einer der Jungs hat sich in seinen Stiefeln eine Blase gelaufen und braucht ein Heftpflaster und neue größere Stiefel. Drama und Auflösung. Grandios. Herr E. bringt währenddessen schnell den Wodka. Wir trinken auf uns und auf Steffen und das Folsom.

Krrrk, und noch weiter geht mein Herz auf.

Folsom Ledermann
In der Schöneberger Wohnung

Gaybar

Irgendwann haben sich alle an- und umgescheuselt (umgezogen) und wir gehen zusammen in die Schöneberger Schwulenbar. Diese ist gerammelt voll. Aber da die Jungs Stammgäste sind, gibt es gleich Plätze an der Bar.

Die Wände sind mit Singleschallplatten getafelt, alles wilde Schlager aus den 70ern. Und jede Single kann man sich anhören. Sie wurden katalogisiert und man schreibt die Nummer der Platte auf einem Zettel auf und gibt diesen Zettel dem Barkeeper und das gewünschte Lied wird gespielt.

Eine wilde Mischung aus Heintje, Marianne Roos und Fleetwood Mac wird gespielt. Ich wünsche mir Bonnie Tyler aus einem ganz bestimmten Grund, das ist das Lied, welches auf meiner Beerdigung für Steffen und mich gespielt werden soll (aktuelle Stimmung, kann sich natürlich noch ändern, bis ich tot bin).

Mein Musikwunsch

Der Grund ist dieses Video bzw. diese Zombifilme, die wir mit Steffen so geliebt haben: Dead Snow. Bei diesem Filmende haben wir uns halbtot gelacht. Großartiger Klamauk! Klickt selbst, ich kann das Video leider hier im Blog nicht einbetten: (wenn Ihr möchtet)

Total Eclipse of the heart – Dead Snow

Bier wird bestellt und gequatscht. Ein Herr um die 60 in Leder, er sieht ein bisschen aus wie mein Schwiegerpapa, setzt sich neben mich und erzählt mir gleich seine Lebensgeschichte und sagt er sei 75! Er verweist auf seine blitzend-blinkenden weißen Zahnreihen und sagt: „alle echt und meine“ und will dann alles über mich wissen. Oha. Ich dachte, das ist eine Schwulenbar und ich bin hier doch gar nicht relevant. Irgendwie entkomme ich dann doch der Situation. 

Verrückte Komplimente

Weiter im Text, zurück bei meiner Bande geht es feuchtfröhlich weiter. Ein kleiner Amerikaner, nur mit gelben Schlüpfern bekleidet – haha, nein die heißen anders, die mit hinten offen, Ihr wisst schon, die Dinger die es damals im Klingelkatalog gab, direkt neben den Massagestäben – gesellt sich zu uns und zeigt uns, wo er sein Bargeld versteckt hat. Interessant! Es wird immer lustiger. Aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen mache ich natürlich keine Fotos, aber ihr habt ja Fantasie.

Irgendwann baut er sich vor uns auf, schaut mich direkt an und sagt, dass ich was ganz besonderes bin, und so toll und überhaupt, und dass ihm noch nie eine Frau wie ich begegnet ist und wenn er hetero wäre, würde er sich sofort in mich verlieben. Dann eine kurze Kunstpause …. „Und du hast geile Titten“.

Hahahaha – wir brüllen alle los. Grandios, grandios. #gaybar

Irgendwann muss ich jedoch los, ich muss ja noch Koffer packen, Schlüsselübergabe für die Zwischenmieter machen usw. usf.

Zu den beiden Männern über 1,90 m sage ich beim Abschied, dass sie mich ganz besonders doll drücken müssen.

Das ist eine Sache, die mir schmerzhaft fehlt, ein großer Mann, der mich hält. Um exakt zu sein, Steffen, der mich hält. Und da ich keine Beziehung möchte, da ich ja immer noch mit meinem toten Mann verheiratet bin, müssen für diese Zwecke halt die Boys herhalten. Und das machen sie gern.

Mit ganz viel Liebe im Herzen verlasse ich die Schwulenbar und gehe zu meinem Fahrrad.

Berliner Dinge

Schön ist, dass es noch dort ist, wo ich es angekettet habe, aber ups, irgendjemand hat meine Handyhalterung abgeschraubt und seine alte Handyhalterung fein säuberlich auf meinen Gepäckträger gelegt. Also mal eben die Produkte getauscht. Ich lache laut los. Das ist irgendwie großartig. Normalerweise müsste man sich jetzt ärgern. Aber ich bin gerade zu glücklich.

Ich radel gemütlich wieder nach Hause und ein kleiner Liebesbrief an Berlin spukt die ganze Fahrt durch mein Hirn, welchen ich volltrunken des Nächtens dann noch festhalte:

Berlin 

Du gestörte, Du Mutter allen Wahnsinns
Du Liebe und Verzeihende
Du sprödes, großes Herz
Du Ort allen Wahnsinns und der Akzeptanz
Du Heim für alle Verrückte und Versprengte
Ich liebe Dich
Egal wie scheiße es mir geht, Du fängst mich auf mit Deinem großen Herz.
Mutter des Schmerzes der Unverstanden und Gehörten
Ich will immer bei Dir sein

etwas pathetisch, aber ich war betrunken.