Nun ist es exakt ein Jahr und 11 Monate her, dass Steffen gestorben ist. Dieser heutige 22. Januar ist genauso ein Freitag, wie der 22. Februar 2019 war, der Tag des Verlusts.

Ich möchte mit dem heutigen Blogeintrag gar nicht auf die Tränendrüse drücken, keine Sorge. Aber für mich persönlich ist diese Zeit um Steffens Todestag jedes Jahr erneut furchtbar. Auch wenn ich gerade nicht sein Grab besuchen kann, ist Steffen dennoch jeden Tag bei mir.

Mein Tagebuch:

Jedes Jahr gehe ich um diese Jahreszeit aufs Neue exakt dieselben Tage von damals durch. Jeden einzelnen Tag, jedes Jahr aufs Neue. Denn du musst wissen, dass ich Tagebuch führe.

(werbung)

Genauer gesagt, so ein 5-Jahres-Tagebuch wie dieses hier.

Das Buch hatte mir Steffen damals in 2018 zu Weihnachten in Shanghai geschenkt, nur zwei Monate vor seinem Tod. Wie so oft hat er vor seinem Tod Dinge gemacht oder gesagt, wo ich in der Rückblende manchmal denke „als hätte er etwas geahnt“.

Die gemeinsame Reise nach China war die letzte sorglose Reise mit Steffen, denn der Krebs war (scheinbar) überstanden und besiegt, wir hatten neue Lebensfreude und Energie für einen Neustart mit unserem gemeinsamen Cateringunternehmen. Deswegen gibt es in diesem Buch auch original chinesische Rezepte, die ich eigentlich für das Catering übernehmen wollte.

Nur ein Jahr und 11 Monate nach Steffens Tod geht es mir heute zugegebenermaßen recht gut. Meine Psychotherapeutin ist mit mir sehr zufrieden und ich habe so viel neue Lebensenergie und mittlerweile Ideen getankt, dass ich schier berste und nicht weiß, wo ich anfangen soll. Du wirst hier also bald noch mehr von mir hören.

Aber andererseits ist da auch ständig dieser monströse Verlust, der über mir schwebt.

Warum schreibe ich das gerade heute?

Wie du gerade schon bemerkt hast, setze ich die Dinge gerne in zeitliche Relationen. Denn exakt heute vor zwei Jahren, am 22. Januar 2019, hatten Steffen und ich uns beim Ausliefern der Cateringaufträge furchtbar im Auto gestritten.

Warum streitet man sich, wo doch Steffen gerade dem Krebs von der Schippe gesprungen ist?

Ich war ungeduldig, da Steffen nicht so schnell von seiner Krebserkrankung heilte, wie ich mir das wünschte und vorstellte. Was wussten wir damals schon: nichts. Wir mussten Aufträge für unsere Firma ausliefern und damit Geld verdienen. Und für dieses Geld unmenschlich viel arbeiten. Besonders für zwei. Und da Steffen nur Kraft für 50% hatte, machte mich das schier wahnsinnig und so ungeduldig, denn ich hatte längst keine Kraft mehr für 150%.

Und Steffen tat mir dabei auch so unwahrscheinlich leid, mit seinem Schmerz, mit seinem Kampf. Irgendwie war klar, dass er nie wieder so unbeschwert werden würde, wie vor der Krankheit und wie gerade noch in China. Das machte mich damals so unglaublich wütend und aggressiv: Steffens Leiden zuzusehen und nichts dagegen tun zu können. Ich habe scheinbar nicht die besten Skills für eine treusorgende und aufopferungsvolle Ehefrau. (putzen mag sie auch nicht – augendverdreh)

An diesem Tag von zwei Jahren habe ich mich also wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert.

Aber auch das Akzeptieren dieser scheußlichen Dinge, die man selbst tat, und das sich selbst Verzeihen gehört zum Trauerprozess dazu.

Die absolute Todes- nein Sterbensangst, die Steffen mit dem Krebs in dem halben Jahr davor erfuhr, machte etwas ähnliches mit ihm, wie sein Tod mit mir. Steffen war zu diesem Zeitpunkt also bereits viel klarer und weiter als ich.

Und so stritten wir uns an diesem 22. Januar im Auto beim Ausliefern wegen Lappalien. Ich weinte, Steffen weinte und rief „hätte ich lieber sterben sollen?“.

Und exakt einen Monat später war er tot.

Nur einen Monat später war Steffen tot!

Das muss man sich mal ganz langsam auf der Zunge zergehen lassen: nur einen Monat später ist der geliebte Mensch weg. So schnell kann das gehen. Alles! Alles kann sich mit nur einem Wimpernschlag ändern. Das einzige, was im Leben sicher ist, ist die Veränderung.

Wenn man sich das jeden Tag bewusst wäre, würde man sich nicht mehr streiten. Keine Sorge, ich habe das mit der Dankbar- und Achtsamkeit ja scheinbar auch nicht hinbekommen…

Denn der menschliche Geist will sowas ungern wissen. Er macht weiter wie bisher, für irgendwann später, arbeitet und plant alles für die Rente, für die Kinder, für die Zeit nach Corona.

Und mit einem Schnipser biste halt auf einmal weg. Oder halt dein Lieblingsmensch. Was übrigens noch viel schlimmer ist. Denn selbst sterben ist gar nicht so übel, denn du bekommst den Großteil gar nicht mit.

Den Schmerz hinterher haben nur die anderen, die nun ihr Leben lang mit dem Verlust von dir klarkommen müssen (nur falls du ein toller Typ warst, sonst ists wurscht).

Ständig denkst du, dass alles hier, dein ganzes Leben, wie du es kennst, geht ganz genauso ewig weiter. Das einzige nervige, was dazwischen passiert, ist, dass du spür- und sichtbar älter wirst.

Aber ansonsten ist alles wie immer.

Wie fühlt sich das Leben nach dem Verlust eines geliebten Menschen an?

Mir ist bewusst, dass Menschen, die diesen Weg noch nie gegangen sind, es sich einfach nicht vorstellen können. Woher auch. Für empathische Menschen ist mein Schicksal mit eines der furchtbarsten und hinterlässt sie sprachlos.

Für andere wiederum kann ich nicht schnell genug aufhören, dieses Thema, diesen „Scheiß“ durchzukauen.

Das Reden über den Tod und den Verlust triggert die Menschen aus absolut verständlichen Gründen so hart, dass dieses Thema am liebsten totgeschwiegen wird.

Letztens wollte ich den Gefühlszustand, in dem ich mich ständig befinde, in kurzen Worten beschreiben und kam auf dieses Gleichnis:

Der Zauber ist weg. Sämtliche Dinge, die mir begegnen, werden in Windeseile entzaubert. Durch den Verlust erkennt man in kürzester Zeit die verschiedensten Sinnlosigkeiten im Leben. Komplett klar trennt man echte Probleme von dem alltäglichem Mumpitz der vom Luxus ausgestopften Jammerer.

Und mit dieser klaren Sicht erkennt man wiederum Brüder und Schwestern im Geiste umso schneller.

Ich will mich nicht mehr mit Bremsern und Zauderern aufhalten, ich will keine Bedenken hören, was alles schief gehen kann. Ich mache mir keine Gedanken mehr über eventuelle Risiken, die mich betreffen werden. Endlich fange ich an, mich klar davon abzugrenzen und Corona spielt mir dabei wunderbar in die Karten, jeden Tag zu wachsen. Denn Wachsen braucht Zeit.

Eine letzte Urangst von mir werde ich in den nächsten Tagen ausmerzen, selbstbestimmt, und dann in ein neues Leben starten.

Ist dir schon mal aufgefallen, wie viele Menschen einfach nicht aus der Suppe kommen? Sie labern und labern, was sie alles täten, wenn und erzählen dir ständig, wie du irgendetwas besser machen könntest, ohne dabei jedoch selbst etwas zu tun. Macht dich das auch so aggressiv?

Und wie unglaublich selten es ist bitteschön, endlich jemanden zu treffen, der genauso tickt wie man selbst! Eine Person, die genauso und ohne zu zögern mit dir ins kalte Wasser springen würde und dir parallel auch noch den Rücken stärkt? Eine Person, die genau so proaktiv alles angeht, wie man selbst, nur kurz darüber nachdenkt und dann springt?

Mir ist gerade so ein Mensch begegnet und es ist kein Mann.

Dir wird hier in Zukunft noch das hören und sehen vergehen, denn bald gibt es hier noch mehr zu erleben und staunen!