Zukunft. Teil II

Ich hatte ja schon die Tage von meinen Selbstzweifeln bezüglich meiner Zukunft geschrieben. Dies ist der 2. Teil dazu. Ich dachte ich splitte es etwas auf, damit es etwas leichter für Euch und wahrscheinlich auch mich zu verdauen ist.

Wenn Du aber selbst betroffen bist, wenn Du selbst trauerst, findest Du Dich vielleicht in diesen Zeilen wieder und fühlst Dich dadurch nicht mehr so unverstanden. Wer weiß? Wenn ich irgendwie helfen kann, freue ich mich darüber natürlich.

Was mich gerade am meisten herumtreibt ist der  

Verlust aller Glaubenssatze

Selbstständigkeit 

Ich dachte, mit der Selbstständigkeit kann man sich auf Dauer etwas aufbauen. Wenn man sich nur richtig anstrengt, wird man irgendwann erfolgreich.

Und wir waren im letzten halben Jahr vor Steffens Erkrankung richtig erfolgreich:

  • Wir konnten uns die Aufträge aussuchen
  • Wir haben uns hauptsächlich auf Hochzeitscaterings spezialisiert
  • Unsere Auftraggeber waren das Bundesministerium für Gesundheit, die amerikanische Botschaft und die BlueManGroup
  • Auf Yelp waren wir zeitweilig auf Platz 1 der besten Cateringunternehmen in Berlin

Das Finanzamt killt kleine Unternehmen!

Aber in Wirklichkeit war man nur am Löcher stopfen, und zwar die, die das Finanzamt mit seinen Voraus- und Nachzahlungen ins Budget gerissen hat. Bis August hat man nur für den Staat gearbeitet, erst ab September konnte man sich etwas auf die Seite legen, was dann komplett im Februar des darauffolgenden Jahres wieder vom Finanzamt gefressen wurde.

Investition in die Zukunft sind nicht möglich, wenn du keinen Kredit bekommst. Und als Selbstständiger bekommst du keinen Kredit. Ständig Geldsorgen.

Und wenn du krank bist, verdienst Du auch kein Geld. Das gilt auch für Urlaub.

Und wenn das nicht genug war, wirst Du von irgendwelchen Abmahnanwälten, DGSVO-Korinthenkackern, dem Gesundheitsamt mit Auflagen und Vorschriften und der Kennzeichnungspflicht der Allergene gepeinigt.

Und dazu dann auch noch Steffens Erkrankung und die Doppelt- bzw. Dreifachbelastung mit der Selbstständigkeit.

Wenn ich jetzt daran denke, bekomme ich schon bei dem bloßen Gedanken Bauchkrämpfe.

Das hat mich alles so geschlaucht, dass auch dies eine Ursache meines Burnouts ist (neben Steffens Tod natürlich).

Das „wenn-dann-Prinzip“

Früher dachte ich immer, das Leben funktioniert nach dem „wenn-dann-Prinzip“:

  • Wenn ich mich richtig anstrenge, dann werde ich irgendwann gut von der Selbstständigkeit leben können
  • Wenn ich genau die exakte Anzahl von Kalorien zu mir nehme und mehr Sport mache, dann nehme ich automatisch ab
  • Wenn Steffen sich nur pflanzlich ernährt, dann geht der Krebs weg
  • Wenn wir Mama immer richtig fordern, dann wird sie nach dem Hirnschlag genauso wie vorher

Aber das Leben funktioniert so nicht. Diese Dinge funktionieren so nur für einen kurzen Zeitraum, denn dann passiert wieder das Leben und schüttelt alles ordentlich durch.

Und jetzt hilft mir nur noch die

Buddhistische Betrachtung

Meines derzeitigen Lebensabschnittes. Denn jedes althergebrachte Denkmuster lässt mich irre werden.

Kein gestern und kein morgen

Im Buddhismus ist das was gestern war und was morgen geschieht, nicht relevant. Das Gestern ist lediglich ein Traum und das Morgen ist nicht da, greifbar oder planbar. Du kannst nur im Hier und Jetzt sein.

Und unser größtes Problem ist, das wir in Gedanken nur im gestern sind, indem wir uns über Dinge, die geschehen sind, den Kopf zermartern oder wir sind in der Zukunft und wälzen unendlich die Gedanken, wie wir mit irgendeiner Situation umgehen werden, wie irgendetwas wenn dann sein wird.

Wir sind kaum hier. Im Jetzt. Und das wäre die sogenannte „Achtsamkeit“

Bardo

Ganz grob skizziert und natürlich noch viel differenzierter ist Bardo der Bewusstseinszustand, wenn man zum Beispiel stirbt oder geboren wird. Bardo ist ein Übergang.

Aber auch, wenn einem etwas ganz Furchtbares passiert, wie zum Beispiel mir Steffens Tod, begibt man sich in ein Bardo.

Mein Bardo-Moment

war der Moment, als mir mitgeteilt wurde, dass Steffen gestorben ist und ich an seinem Bett stand und auf ihn schaute. In diesem Moment war da diese Stille. Diese Stille in meinem Kopf. Das Sirren in meinem Kopf war verstummt. Ich habe nichts gedacht außer „nun bin ich frei“. Das ganze dauerte ungefähr eine halbe Stunde bis wieder die Rationalität übernommen hatte.

Aber dieser Moment wird im Buddhismus mit einer Auflösung eines Karmas gleichgestellt. Einem Ende von etwas und einem Anfang von etwas Neuem.

Es verändert einen komplett. Man wird ein komplett anderer Mensch. Durch diesen Tod wird man scheinbar liebevoller. Man geht liebevoller mit der Umgebung um. Man schätzt das Leben anders. Scheinbar muss die überschüssige Liebe irgendwo hin.

Ich habe mich verändert

Ich habe gemerkt, wie ich mich in dem letzten halben Jahr komplett verändert habe. Ich bin milder, liebevoller und achtsamer geworden.

Das ist eine schwierige Situation, da man ja vielleicht auf eine Arbeit wie immer geht, die Menschen behandeln einen wie immer und denken, man ist, wie man immer war.

Das ist aber nicht mehr so. Diese Metamorphose durch das Bardo ändert alles. Die Einstellung, die Ziele, die Wünsche. Und das sehen die Kollegen nicht, das führt zu Spannungen.

Früher

Wo früher mein größtes Ziel war, Karriere oder das beste Catering oder wie auch immer Ruhm zu haben war, ist da jetzt nur noch Unverständnis für diese Antriebsenergien.

Jetzt

Jetzt möchte ich in meiner Zukunft am liebsten aus dieser kapitalistischen Welt aussteigen, Reisen, nur so viel Geld haben, dass ich Miete und Versicherungen und etwas zu essen zahlen kann.

Ich habe keine materiellen Interessen, Ziele und Wünsche mehr.

Nur meine Seele möchte wachsen.

Am liebsten würde ich nur für mich alleine arbeiten, schreiben, basteln oder vielleicht sogar ins Kloster gehen (ins buddhistische Kloster natürlich, mit der Kirche habe ich es einfach nicht).

Ich komme derzeit mit dieser Welt, die sich immer schneller dreht, wo immer mehr Menschen ausgebeutet werden oder sich selber ausbeuten für irgendwelchen Markenkram, damit andere sie mögen oder zumindest neidisch sind, nicht mehr klar.

Diese überall spürbare Aggression, die negativen Vermutungen und Grundeinstellungen und das gegenseitige Aufgepeitsche tun mir körperlich weh. Sinnlose Gespräche tun mir weh. Ich denke mir immer, in der wenigen Zeit, die ich auf dieser Welt habe, will ich nicht meine Synapsen mit Sinnlosigkeit beschmutzen.

Wobei ich nicht Irrsinn meine. Irrsinn ist toll. Verrückte Gedanken herumspinnen, was dann zu einer weiteren verrückten Idee führt, die dann am Ende gar nicht mehr so verrückt ist. Das liebe ich.

Fernsehen schaue ich kaum noch, und wenn dann nur Dokumentationen auf den Dritten. Lieber schaue ich kontrolliert Netflix oder lese ein Buch.

Mein Kopf hat so einen Hunger nach Dingen wie Buddhismus, Achtsamkeit gegenüber den Mitmenschen, Freunde, Familie, Liebe. Dinge zu tun mit Menschen, die für etwas brennen.

Denn meine neue Superpower ist der Moment der absoluten Achtsamkeit. Wenn du so im Jetzt, in der jeweiligen Situation bist, dass sich die Außenränder deines Blickfelds verschieben und du in so einem Zauberzoom sitzt. Hab ich bis jetzt nur zweimal geschafft, will ich öfter. Das fetzt.

Und was mir neben Schreiben gerade noch Spaß macht ist gutes Essen kochen (wenn es vom Gegenüber gewertschätzt wird) oder irgendetwas anderes Kreatives.

Ich habe keine Ahnung, wo mich das hinführt. Wie mein Leben jetzt weiter geht. Ich hoffe, anders

Was kann und will ich in meiner Zukunft:

  • Organisieren
  • Kochen und Rezepte kreieren
  • Kreativ sein
  • Abstruser Humor
  • Schreiben
  • Enormes morbides Interesse
  • Helfen
  • Selbstständig arbeiten
  • Unternehmerisch denken

Was kann und will ich nicht mehr in meiner Zukunft:

  • Hass, Streit und negative Energien
  • Ich bin gerade null belastbar
  • Psychospielchen
  • Sinnloses Geschnatter
  • Menschen (?)

Wie geht es jetzt für mich weiter?

Buddhismus hilft mir gerade sehr
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